Sloterdijkes Marktwirtschaft ohne Wachstum, geht das überhaupt?

Norbert Nelte - 15.07.2009 - ökonomische Theorie

Erst wollte ja der Hausphilosoph des deutschen Kapitals Peter Sloterdijke in faschistischer Manier nach seinem Machwerk „Regeln für den Menschenpark“ einen neuen Menschen züchten, der in der Welt bestehen könne, nun stellt er in seinem Philosophischen Quartett im ZDF aber fest, dass das Problem weniger an dem Menschen liege, sondern doch mehr an dem Wirtschaftssystem. Er kommt mit seinen Mitdiskutanten Rüdiger Safranski und seinen Gästen, der Schriftstellerin Juli Zeh und dem Sozialwissenschaftler Professor Meinhard Miegel am 7.6.09 zu dem glorreichen Schluss, dass wir uns von der Wachstumsideologie verabschieden müssten, einer Haltung, der wir auch häufig im normalen Alltag begegnen.

„Ich komm auch ohne Wachstum aus“, ist eine Floskel, die wir oft im Rahmen der 6,7%igen Schrumpfung des Bruttosozialproduktes ob der Zukunftsaussicht hören. Dies wird doch nicht so schnell wieder aufwärts gehen, sondern eher weiter stürzen. In der Tat, der einzelne Lohnabhängige braucht die ständige Expansion nicht. Bleibt aber doch die spannende Frage, kann auch die Marktwirtschaft, der Kapitalist damit leben? Wird nicht vielmehr die „soziale“ oder neoliberale Marktwirtschaft daran zerbrechen müssen und welche Alternativen gibt es denn dazu? Können wir den „Machern“ die Wirtschaftstätigkeit weiter überlassen oder muss nicht doch die Masse der Lohnabhängigen selber aktiv werden?

Also, Herr Philosoph, von einem Mikroökonom ganz langsam zum mitschreiben: Die Grundlage der Marktwirtschaft ist Angebot und Nachfrage, wie auf dem Wochenmarkt, da finden wir viele Anbieter und viele Kunden. Die Anbieter versuchen mit einem niedrigen Preis oder einer qualitativ besseren Ware zum gleichen Preis der Konkurrenz die Kundschaft weg zu gewinnen. Der Wettbewerb zwischen den Anbietern ist also die Grundlage der Marktwirtschaft, ob sozial oder neoliberal. Die großen Betriebe müssen ständig rationalisieren, um mit einem billigeren oder besseren Angebot die Kundschaft zu gewinnen. Ich rechnete als Wirtschaftlichkeitsrechner bei dem Autozulieferer Ate-Bremsen Teves aus, in welcher Zeit die neuen arbeitssparenden Maschinen sich bezahlt machen, wie viel die Produktion billiger wird und in welchen Abteilungen wie viele Kollegen weniger benötigt werden. Freisetzen nannte man das bei den Bossen. Na ja, ich gab mein Wissen als gewerkschaftlicher Vertrauensmann gleich dem Vertrauenskörper weiter und der revolutionären Betriebsgruppe, weshalb wir auch rausgeschmissen wurden. Ich betätigte mich also als Geheimagent der revolutionären Bewegung im Stab des Vorstandes.

1974 sammelten wir 800 Unterschriften für ein 13. Monatsgehalt und bekamen dann auch 64%. Zu der Zeit betrug die Durchschnittsprofitrate aber noch 11% und die Wirtschaft wuchs noch um bis zu 6%, heute bei minus 6,7% gibt es nur eine Betriebsschließung.

Diese ständigen Entlassungsbemühungen durch die Chefs konnte man nur mit einer ständigen Marktausweitung kompensieren, entweder es wuchs die Binnennachfrage oder der Export. Es war also schon notwendig, das damals die Wirtschaft noch bis zu 6% wuchs, damit bis dahin die Arbeitsplätze noch gehalten werden konnte. Auf Grund des Endes des Vietnam-Krieges 1973 fing aber die Arbeitslosenzahl an zu steigen, so, dass 1980 bereits die erste Million erreicht wurde.

Wir errechneten auf Grund der Rationalisierungen zwar einen Sonderprofit für den Betrieb aus, nur danach endet jedes Denken bei den Vorständen und den bürgerlichen Betriebswirten. Nun nämlich rationalisiert aber auch die Konkurrenz, weshalb der neue eingesparte niedrigere Wert der Ware sich als neuer niedrigerer Durchschnittspreis durchsetzen wird. Die Rendite stieg nicht, nein, sie fiel. Dieses Gesetz der Tendenz der fallenden Profitrate hatte Marx im Kapital schon erkannt. Heute, wo der Weltmarkt sich total verengt hat, zusammenzieht, tendiert die Profitrate in der Produktion schon gegen Null.
(Vgl. Norbert Nelte: Marxistische Wirtschaftstheorie - leicht gemacht, S. 11)

Durch die Produktivitätssteigerung sank letztlich die Profitrate und wir als Wirtschaftlichkeitsrechner betätigten uns eher als Totengräber für das Kapital. Heute jedenfalls geht ein Betrieb nach dem anderen kaputt, Marx’ späte Rache.

Der IWF geht weltweit von einem Rationalisierungsgrad von 3,3% jedes Jahr aus und sah somit ein Wirtschaftswachstum unter 3,3% schon als Schrumpfung an. So gesehen hatten wir ab 1990 außer in China keinerlei Wachstum mehr.

Durch die stetigen Rationalisierungen entsteht beim Einzelkapitalisten und auch in der Gesamtwirtschaft der Zwang, den Absatz zu steigern. So wurde auch bei Teves jedes Jahr Vorgaben gemacht, den Absatz um rund 3% zu steigern. Das müsste auch der Gast Sozialwissenschaftler Professor Meinhard Miegel wissen, aber gut, die Herrschaften werden ja dafür bezahlt, Träume zu erzeugen. Und die Arbeiter wollen erst mal Träume, weil sie noch nicht die Realität ertragen wollen. Aber was ist, wenn an der Realität kein Weg mehr dran vorbeigeht, keine Abwrackprämie, kein Beschäftigungsprogramm, keine Kurzarbeit, keine Konjunkturpakete, keine Nachrichtenlügen, keine Gelddruckerei, gar nichts mehr. Wie wollen die Herrschaften das Betriebssterben stoppen, es gibt kein Halten mehr. Es  gibt nicht nur keinen Aufschwung mehr, pffft, vorbei, sondern wegen der Profitrate gegen Null und der Grenze des Marktes einen Abschwung, und weil der Point of No Return im März 2009 überschritten wurde, kommt er so rasant, wie im Steilflug. Die Kurve verhält sich wie ein Papierflugzeug, nach dem Steilflug fängt es sich erst einmal, das ist momentan der Fall, dann auf Grund des fehlenden Auftriebs wechselt es wieder in den Sturzflug, fängt sich wieder, wie auf dem Titel meines Rosa-Luxemburg-Buches dargestellt, wieder Sturzflug und recht bald geht das über in Sozialismus oder Barbarei, das kommt auf Dich darauf an, wie Du das willst, Blutgemetzel oder Arbeiterrätedemokratie.

Nun könnte man einwenden, dass wir aber aus dem „bösen“ Kapitalisten einen „guten“ machen könnten, wie das auch in der Sendung davor bei unserem großen Auftragsphilosophen vorgeschlagen wurde, ein heiliger St. Martin eben. Nur, das wird den Aktionären in Dubai oder Singapur nicht gefallen, dann kaufen sie eben chinesische von einem Sklavenhalter.

Die obersten Bosse wissen auch von dem Ende der Produktion für den Profit. Ein Manager vom Vorstand erzählte mir, dass er auch in Moskau „Das Kapital“ studiert hat und das z.B. die Siemens-Manager auf die Kapitalschulung geschickt werden, sie kennen ihr Ende, sehen aber zu, dass sie dann bei der Herausbildung des Weltmonopols die Nr. Eins wie eben Siemens sind und ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben.
Die ständig steigende technische Zusammensetzung machte auch ein ständiges Wirtschaftswachstum aus anderen Gründen notwendig. Die Arbeiter erhalten von ihrer geschaffenen Wertschöpfung 2005 nur 2/3, den Rest bekommt das Kapital. Der Arbeiter gibt das im Wesentlichen wieder aus und damit in den Wirtschaftskreislauf. Erst ab 50% der Bevölkerung gibt es eine Sparquote.

Die Kapitalisten aber, das restliche 5% der Bevölkerung, stecken nur einen kleinen Teil des Eigenverbrauchs, die revenue, in den Binnenmarkt. Von ihrem 33% Anteil entfällt der weitaus größere Teil auf die Rekapitalisierung, die Akkumulation. Der Kapitalist empfindet nämlich de Privatentnahme als Diebstahl an seinem Investitionskapital. Dieses Investitionskapital wird er aber nur in Produktionskapital investieren, wenn auch eine profitable Rendite lockt. Im Arcandor Fall hat z.B. hat Frau Schickedanz und die Oppenheim-Bank es abgelehnt, weiteres Geld in ein Fass ohne Boden zu stecken. In einer Krise stecken sie lieber ihr Geld in den internationalen Finanzmarkt, in Weißwäsche, Teakholzabholzung oder Rohstoffklau. Der Weltwirtschaftsmotor USA tuckert nur noch kurz vor dem Kolbenfresser.

Jetzt geht es abwärts dieses Jahr, 6% wird allgemein geschätzt, dann steigen ganz rasant die stückfixen Kosten. Z.B. die Fertigungsstanze steht da, egal, ob ich 50.000 oder 100.000 Autofeueranzünder stanze, die Stückkosten verdoppeln sich aber bei der halben Fertigung. Zur Auslastung der Anlagen ist eine Expansion im Kapitalismus auch wichtig.'

Jetzt haben wir nicht nur eine geringe Auslastung, sondern die Waren müssen auch für einen niedrigen Preis verkauft werden. Bei Autos werden heute z.B. bis zu 40% Rabatt gegeben. Gewinne sind da nicht mehr im Produktionsbereich drin.

Das Ende der Betriebe wird vom Kapital dann auch beschleunigt, damit die Reichen die restlichen Werte noch absahnen können.

Bei Karstadt hat der Manager Thomas Middelhoff die Grundstücke an den Investment-Banker Goldmann & Sachs verkauft, der es jetzt zu überhöhten Mieten an Karstadt vermietet, so, dass jetzt die Staatsanwaltschaft gegen Middellhoff ermittelt, nicht gegen Goldmann. Über Goldmann & Sachs schreibt der US-Wirtschaftsdienst Bloomberg: „Wer eine echte Verschwörung kennen lernen will, sollte sich Goldmann & Sachs ansehen.“ (Capital 15/2006, S. 34). Die haben Agenten in fast allen Vorständen der deutschen Großkonzerne drin. Und der Krake ist in der ganzen Welt vertreten.

Thomas Middelhoff mit Bertelsmann-Erfahrung, war als G&S-Mann Vorstandsvorsitzender beim Kaufhof (2. Schaubild 2006 rechts oben) und der Verkauf der Häuser an G&S geschah wahrscheinlich in deren Auftrag. Middelhoff ist nur ein Bauernopfer, und da wird das Verfahren der Staatsanwaltschaft so enden wie bei Mannesmann/Esser. G&S hat sich nur damit die restlichen Vermögenswerte gesichert, bevor Karstadt zahlungsunfähig wurde.

Und dann will sie den Rest auch noch billig als Metro zurückkaufen. Bei Metro stellt sie den Aufsichtsratsratchef (2. Schaubild Mitte oben). Das war dann auch dem Insolvenzberater zu durchsichtig, weshalb den 42.000 Verkäuferinnen schon mal eine Umschulung nahe gelegt wurde. Ja, da geht ja nur noch Altenpflegerin für 5 Euro oder Waffenverkäuferin bei Heckler & Koch oder bei Mecedes/EADS.
Das gleiche bei Märklin. Da soll angeblich der Co-Eigner Kingsbridge die Ursache für die überhöhten Gehälter und Honorarzahlungen sein. Jedenfalls stellt der Insolvenzverwalter Michael Pluta fest: "Da tränen einem die Augen". Ohne diese Beratungskosten "wäre die Firma nicht pleite". Plutas erste Amtshandlung: "Alle Berater raus." Und die FTD kommt zu dem Schluss: Das Unternehmen war offenbar von Beginn an als Selbstbedienungsladen konfiguriert". Die restliche Substanz absaugen war auch hier die Devise, da kann uns doch G&S nicht erzählen, dass sie bei Märklin als Miteigentümer keine Einflussmöglichkeit hatte, dieser Verdacht ist doch zwingend.

Die Substanz der Firmen auf der Liste von G&S, die nicht mehr viel bringen, wird wohl abgesaugt werden. Noch sind die deutschen Firmen wegen ihrer Niederstbewertung interessant und wenn sie den kümmerlichen Rest der Firmen für ihre Burgen absaugen, dann sei das „letztlich bloß ein Katalysator, der den ohnehin nötigen Strukturwan­del vorantreibe“, meint Manager Dechet von der Texas-Pacific-Group.

Bei Heidelberger Druck (2. Schaubild Links unten) geht es weiter. Hier sitzt der Goldbarrengießer Jürgen Heraeus im Aufsichtsrat für G&S. Die ehemalige Vorzeigefirma steht vor der Zahlungsunfähigkeit. Sie haben jetzt beim Staat 850 Millionen erbettelt. Für 350 Millionen gab es schon grünes Licht von Baden-Württemberg und für die 500 Millionen Garantie vom Bund gab es auch schon die grundsätzliche Zusage. Von den Produktionsfirmen hängen noch pro Arbeitsplatz 10 – 15 weitere Arbeitsplätze ab, da ist die Politik schneller beim Gelddrucken, heimlich, still und leise. Jedenfalls wird das einer der nächsten Kandidaten sein.

Außerdem verdienen die Männer noch mehr als die Frauen, über den Familien-ALG-Satz. Die Verkäuferinnen bei Karstadt aber werden bei der Entlassung, wenn der Mann noch arbeitet als Bedarfsgemeinschaft gezählt und erscheinen nicht in der Arbeitslosenstatistik. Der Staat braucht dann in der Regel kein ALG bezahlen, weil der Mann bei Opel oder Heidelberg-Druck den Familienunterhalt selber aufbringt. Frauen bekommen 30% weniger Lohn für die gleiche Arbeit. Dies sind auch die Gründe für die asoziale CDU/SPD-Regierung, Opel und Heidelberg-Druck zu unterstützen und Karstadt nicht.

Kaum hat sich der Sturz der Produktion im Produzierenden Gewerbe im April 2009 nach dem katastrophalen Fall im Februar von 25% minimal gegenüber Vormonat wie zu erwaten verlangsamt, brechen schon helle Jubelchöre aus. Der Sturz gegenüber Vorjahr  hat sich aber weiter erhöht und er liegt noch immer unter den Daten von 1998. Der Export zeichnet sich immer noch keine Wende ab, er ist immer noch um 30% gegenüber Vorjahr abgestürzt und das Ende der Abwrackprämie und des Kurzarbeitergeldes kommt noch. Der erhoffte Aufschwung Mitte 2009 fällt nun aus. Es werden noch 2 Millionen Arbeitsplätze kosten bis die Welt gescheckt hat, dass es in der Marktwirtschaft nicht mehr weitergeht. Sloterdijkes Grübel-Quartett wird dann immer noch vom Sankt Martin träumen.

Der Arbeiterklasse aber wird so langsam klar werden, dass sie selber die Wirtschaft mit einer solidarischen Planung in die Hand nehmen muss. Stellvertreter können das nicht, auch wenn sie wollen. In der DDR, das nannte sich zwar Plan, aber das war kein Plan. Der Rüstungswettlauf hatte der Bürokratie die Logik des Weltmarktes diktiert. Die Arbeitermassen aber werden den Panzern der Imperialisten mit der Eroberung der Köpfe der Kollegen in der Welt begegnen, das können nur sie selber, nur ihnen gehört die Zukunft. Das Acker-, Leh.- und Goldmännchen aber werden mitsamt ihrem Sloterdijkeschem Grübel-Quartett auf dem Müllhaufen der Geschichte landen.

Wir sagen schon: Good buy - made in Germany! Hello – made by Selbtsverwaltung round the world!

Norbert Nelte
Internationale Sozialisten
Es ist nicht mehr fern, unser Land

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