Geld ohne Zinsen, geht das?

Norbert Nelte - 06.03.2014 - ökonomidche Theorie

„Die Zinsen sind das Grundübel der Wirtschaft und ohne Zinsen könnten wir mit der Geldwirtschaft die Ungleichgewichte in der Welt abbauen.“ Ist eine oft gehörte Meinung, zum Beispiel auf den occupy-Demos, von Groß- und Kleinbürgern, aber auch manchmal von Arbeitern, die von deren These angesteckt wurden.

Die Kritik geht auf den Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865)  zurück. Er „sah in der Herrschaft des Zinses das größte Übel des Kapitalismus. Gäbe es das zinstragende Kapital nicht mehr, so dachte Proudhon, dann gäbe es auch keinen Kapitalismus mehr.“(Fidelches Cosmos)Er wollte aber wirklich nicht den Kapitalismus abschaffen, sondern eigentlich nur das internationale Großkapital zugunsten des Kleinkapitals, einer „wirklichen“ Marktwirtschaft ohne Zinsen.

Die selbstverwalteten Kooperativen „Gemeinsam Leben und Arbeiten“, die ja auch im Konkurrenzwettlauf  mit dem anderen Kleinkapital stehen, beziehen sich daher oft auf Pierre-JosephProudhon (1809-1865). Sie übersehen genau wie er die Tatsache, dass immer wieder aus dem Kleinkapital das Großkapital erwächst, es sei denn, man verbietet per „Ordre de Mufti“ wie im Feudalismus arbeitssparende Entwicklungen an den Maschinen.

Der Anarchist und Frühsozialist Proudhon wollte nicht die Marktwirtschaft abschaffen, nein, er wollte nur die „wirkliche“ Marktwirtschaft mit Äquivalenztausch und ohne der Herrschaft des Zinses.“ Die entsprechende Abschaffung des Zinses hatte antisemitische Vorstellungen zur Konsequenz, die Proudhon in seinen  Texten zur »Tauschbank«  beschrieb. 1849 versuchte Proudhon mit der Gründung einer „Volksbank“, mit zinslosen Krediten, sein Reformprogramm in die Praxis umzusetzen. Proudhon‘s Antisemitismus sah in den Juden die wichtigste Quelle für das Unglück der Nation. Sein Rassismus kam zudem in der Beschreibung Schwarzer als minderwertige Rasse zum Ausdruck.“ (Ebda.)

Auf  die Theorien Proudhons bezog sich Silvio Gesell (1862- 1920). In Seiner Wirtschaftstheorie, sieht die Lösung der kapitalistischen Probleme in der Abschaffung des Zinses mittels Schwundgeld und Tauschkreisen, das raffende Kapital zugunsten des schaffenden Kapitals ersetzen.
Die NSDAP konnte dann auf beiden aufbauen und unterschied dann in gutem „schaffenden und bösem raffenden Kapital“. Es war kein großer Schritt mehr von dem Antisemitismus und Rassismus von beiden zu dem bösen „raffendem Kapital“, das bei der NSDAP das angebliche „internationale Finanzjudentum“ repräsentieren würde.

Diese Vorstellungen von einer sauberen Welt sind heute immer noch in dem Kleinbürgertum verbreitet und strahlen auch ab über die Anarchisten auf manche Arbeiter.
Gerade das Kleinkapital des Kleinbürgertums ist heute zu 90% mit Fremdkapital finanziert. Es wäre gar nicht möglich, dass sie ohne Kredite und damit ohne Zinsen ihre Kleinbetriebe aufbauen könnten. Was anderes sind natürlich die Höhe mancher Zinsen, aber das wiederum ist ein Problem des Verbrechens, der Konzentration und Zentralisation des Kapitals bzw. von beidem.

Die Unterscheidung in raffendem und schaffendem Kapital ist auch nicht das Ergebnis einer wissenschaftlichen Analyse, da ja beides voneinander abhängt. Wenn ich auf mein Geld verzichte, mit dem ich normal immer schaffe, ist es auch billig, wenn ich meinen Ausfall der Schaffung und die Inflation von dem Kreditnehmer erhalte. Insofern kann die Unterscheidung nur von der Unterteilung in gutes und böses Kapital herrühren.

Eine Unterscheidung, auf die wir auch heute treffen. Viele können sich die Erpressung und den Raub des internationalen Finanzkapitals nicht erklären. Die Banken erhalten oft noch mal so viel wie der ganze Staatshaushalt, und noch dazu im Geheimen. Das wird oft nur mit dem “bösen“ Geiz erklärt, statt sich diesem Phänomen wissenschaftlich zu nähern. Die Erpressung und der Raub der Banken ist nur mit dem Ausbleiben der Profitrate in der Produktion zu erklären und dass das Produktionskapital mit dem Finanzkapital miteinander verflochten (z.B. Deutsche Bank mit Daimler) und verschwistert ist. So kann das Produktionskapital so seine ausbleibenden Profite kompensieren.

Weil die Kritik oft nur moralisch mit „Geiz“ erklärt wird, können daher auch heute leicht Nazigruppen sich an die Kritik dranhängen und als das „raffende Kapital“ mit dem Geiz eine Gruppe wie das „internationale Judentum“ ausmachen und anprangern.
Daher ist es notwendig, sich genau klarzumachen, was ist der Unterschied heute in den 2010er Jahren zu den 1960er Jahren. Warum gab es damals noch keinen Geiz und warum heute? Meines Erachtens ist das

  1. Das Wachstum des BIP ist von 5% auf % im Zehnjahresdurchschnitt auf 0%  gefallen
  2. Der internationale Markt ist nach der Kapitalisierung von China verengt .China exportiert heute schon 5mal soviel in die USA als umgekehrt.
  3. Die Profitrate in der Produktion ist von 15% auf 1-2% gesunken. Entsprechend ist
  4. die Zusammensetzung des technischen Kapital auf ihren Höhepunkt gestiegen.

De Fall  der Profitrate in der Produktion ist von auf 1-2% versucht man derart zu kompensieren, dass die Konzerne

  1. große Aktienpakete sich zulegen, von denen sie 90% der Gewinne erzielen.
  2. Die Löhne massiv kürzen, um überhaupt noch die Stücklohnkosten (oder Arbeitskosten) senken zu können.

Das ist genau, was jetzt passiert. Griechenland, Portugal usw. mussten die Löhne senken, um von Europa unterstütz zu werden. Deutschland ist mit den Arbeitskosten jetzt zurückgefallen, von beiden überholt worden, so dass hier wider das nächste Kürzungsrallye ansteht, Agenda 2020 wird schon von den Bossen eingefordert. Wir sollten dabei auch nicht vergessen, dass die Arbeit die einzige Quelle des Mehrwerts in der Produktion  ist und der Kapitalist mit dem Kürzungswahn bis hin zum Kulturzerfall sein eigenes Grab gräbt.

Die Zinsen wurden schon recht früh moralisch kritisiert. „Seit es Eigentum gibt, wird Zins verlangt und gezahlt. Schon die ersten Hochkulturen trafen daher Regelungen, die Höhe des Zinses zu begrenzen. In Mesopotamien ist der Codex Hammurapi überliefert, der in § 89 einen maximalen Zinssatz von 20 % für Silberkredite und 33 1/3 % für Gerstenkredite vorschrieb. Im klassischen Griechenland und Römischen Reich sind Zinssätze von 6 % bis 10 % überliefert. Auch hier bestanden gesetzliche Regelungen gegen Wucher. (Wiki)

Bekannt ist auch der Mythos des angeblichen Religionsgründers Jesus, als er im Tempel die Tische der Zinswucherer umschmiss. Vor 2.000 Jahren konnte man sich die gesellschaftlichen und sozialen Forderungen noch nicht wissenschaftlich erklären und benutzte dazu die Mystik. Die katholische Kirche hat aus dem Tempelsturm ein grundsätzliches Zinsverbot gemacht, welches erst offiziell mit der französischen Revlution aufgehoben wurde, aber schon während der Renaissance zuerst von den italienischen Geldwechslern mit ihren Banktischen (banco) nicht mehr beachtet wurde. Bis dahin konnten die Juden in das Geldgeschäft einsteigen, da sie zwar von Juden keine Zinsen nehmen durften, aber sehr wohl von Nichtjuden.

Aktuell wird die Frage das Zinsverbotes wieder von dem Islamic Banking problematisiert. Hier hat es aber nur noch einen Geldmachercharakter, noch nicht mal einen moralischen, weil man inzwischen die Hintergründe kennt. Der Religionsgründer Mohammed hatte im 7. Jahrhundert den Zinsverbot ausgesprochen, weil er in Mekka an dem Knotenpunkt der Weihrauchstraße sah, wie die Araber von den Juden und Oströmern über den Tisch gezogen wurden. Da die arabische Welt vom Westen immer weniger Beachtung findet, zieht sie sich auf Mohammeds wortwörtliche Aussage immer mehr zurück.
Die Financial Times Deutschland schrieb 2007 über Islamic Banking, von „einem der am schnellsten wachstumsstarken Märkte der Welt“ mit einem Marktvolumen von inzwischen 700 Mrd. Dollar. Also scheint das ein mindestens genau so gutes Geschäft zu sein, wie bei dem normale Bankbereich. Die Moslems selber sehen das Zinsverbot religiös moralisch. Das wird aber von den Banken nur ausgenutzt. Statt Zinsen nehmen sie Gewinn. Der effektive Zinssatz mit Gewinn, Bankgebühren usw. kann sogar höher sein.

Ein islamischer Pflegeschüler mit Rundbart, der auch keine Musik mehr anhörte, also schon sehr fromm war, schwärmte sehr begeistert von den Kreditverträgen der Deutschen Bank nur, weil dort nicht das Wort „Zinsen“ vorkam, sondern nur Gewinn. Gerade die Oberzockerbank.

Die Arbeiter, egal ob Anarchisten, Nationalsozialsten oder Moslems, und früher die Christen sowie die Kleinbürger lassen sich doch immer wieder gerne hinters Licht führen, indem sie Gewinne okay finden und Zinsen des Teufels, dabei ist das doch das gleiche. Beides zusammen ergibt die Profitrate p und diese ist das Ergebnis aus der von dem Arbeiter entwendeten Wertschöpfung m, die dann das vorgeschossene Kapital lukrativ verzinsen soll.

ä Gewinn + Zinsen = Mehrwert

Sogar im Arbeiterstaat müssen wir uns mindestens am Anfang zum Staatsaufbau Geld leihen. Auch bei Lenin gab es das, sicher für weniger Zinsen bei den Volksgenossen. Man kann gar keinen Staat aufbauen ohne Kredit.

Erst, wenn alle Arbeiterstaaten stabil aufgebaut sind, könnten wir die Zinsen, Geld, Partei und Staate abschaffen. Da nun dank des Kapitals selber gleichzeitig die Währungen aller Staaten zerstört werden, kommen wir von dem ersten Arbeiterstaat  vielleicht 2020 zur freien Weltgesellschaft schon in einer Generation 2050.

Diesmal können wir den neoliberalen Brüderle als Zitierer von Lenin nehmen, sinngemäß zitiert: "Wenn ihr die Kapitalisten zerstören möchtet, dann zerstört deren Geld!"

Norbert Nelte
Internationale Sozialisten

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