Der tendenzielle Fall der Profitrate.

Norbert Nelte - 2.07.19 - Theorie - https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28461920

Fall der Profitrate? Was soll dann der Quatsch? Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Das weiß doch jedes Kind. Die Gewinne werden immer größer.

Alles richtig, aber Karl Marx hat im 3. Band da noch etwas hinzugefügt. Im 15. Kapitel schreibt er:

„Wir haben gesehen, dass, obwohl im Entwicklungsgang der kapitalistischen Produktion m, die Gesamtsumme des Mehrwerts, stetig wächst, dennoch  m/C ebenso stetig abnimmt, weil C noch rascher wächst als m.“

(Karl Marx, 3. Band, 15. Kapitel, Entfaltung der innern Widersprüche des Gesetzes, S. 253,  „Marxists’ Internet Archive“, MIA)

Im dritten Abschnitt - Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate, 13. Kapitels: Das Gesetz als solches, auf Seite 221, „Marxists’ Internet Archive“, MIA führt er aus, wie er auf diesen scheinbaren Widerspruch kommt:

„Bei gegebnem Arbeitslohn und Arbeitstag stellt ein variables Kapital, z.B. von 100, eine bestimmte Anzahl in Bewegung gesetzter Arbeiter vor; es ist der Index dieser Anzahl. Z.B. 100 Pfd.St. sei der Arbeitslohn für 100 Arbeiter, sage für eine Woche. Verrichten diese 100 Arbeiter ebensoviel notwendige Arbeit wie Mehrarbeit, arbeiten sie also täglich ebensoviel Zeit für sich selbst, d.h. für die Reproduktion ihres Arbeitslohns, wie für den Kapitalisten, d.h. für die Produktion von Mehrwert, so wäre ihr Gesamtwertprodukt = 200 Pfd.St. und der von ihnen erzeugte Mehrwert betrüge 100 Pfd.St. Die Rate des Mehrwerts m/v wäre = 100%. Diese Rate des Mehrwerts würde sich jedoch, wie wir gesehn, in sehr verschiednen Profitraten ausdrücken, je nach dem verschiednen Umfang des konstanten Kapitals c und damit des Gesamtkapitals C, da die Profitrate = m/C. Ist die Mehrwertsrate 100%:

Dieselbe Rate des Mehrwerts, bei unverändertem Exploitationsgrad der Arbeit, würde sich so in einer fallenden Profitrate ausdrücken, weil mit seinem materiellen Umfang, wenn auch nicht im selben Verhältnis, auch der Wertumfang des konstanten und damit des Gesamtkapitals wächst.*

(13. Kapitels: Das Gesetz als solches, auf Seite 221, „Marxists’ Internet Archive“)

Wenn wir nun diese Rechnung von Marx 100 Jahre weiter ausführen, ergibt sich etwas höchst Überraschendes, was leider nicht von ihm oder Engels oder Luxemburg, Bucharin oder Preobrashenski, von niemand bisher seltsamerweise ausgeführt wurde: Also nach 100 Jahren

Wenn c = 10.000, v = 100, so ist p´ = 100/10.000 = 1%.

Wir hätten nach 100 schon eine Profitrate von nur noch 1%. Da würde kein Kapitalist mehr investieren. Als Kurve ausgedrückt, würde sich eine inverse (gegenläufige) negative Exponentialkurve ergebenä

Nun wies aber Marx auf die gegenläufigen Tendenzen hin, die da wären die Erhöhung der Mehrwertrate m` = m/v. die „Verwohlfeilerung der Elemente des konstanten Kapitals, die relative Überbevölkerung, der auswärtige Handel und die Zunahme des Aktienkapitals“

Hinzu käme noch der Rüstungskapitalismus. Den konnte Marx nicht aufzeigen, da dieser nur funktioniert, wenn alle Großmächte an dem Krieg beteiligt sind und die Weltkriege gab es bei Marx noch nicht. Außerdem verzehnfachte sich in den Weltkriegen die Soldatenzahl und es starben 90% Zivilisten und die Kriegskosten verbrauchten sehr viel mehr  von der Wertschöpfung.

Eine Beschleunigungstendenz ist der Lohmann-Ruchti-Effekt der von Marx und Engels eigentlich zuerst beschrieben wurde. Er beschleunigt den Fall der Profitrate wieder um das Einundhalbfache. Zwar hat Marx das im Kapital beschrieben, aber nicht als beschleunigende Tendenz.

So ist der Unterschied zwischen dem Fall und dem tendenziellen Fall nicht wesentlich größer und das Ende des Kapitalismus ist statt in 100 Jahren nach der französischen Revolution in 220 Jahren erreicht.

Eigentlich war der richtige Kapitalismus, in dem die Profite im Durchschnitt in der Produktion generiert wurden, bereits in den 1990er Jahren zu Ende. Die Konzerne erreichten ihre Profite zu 90% nur  mit ihren Aktienpaketen im Finanzsektor, Rohstoffsektor und in Billiglohnländern und in den stillen Fonds ihrer Großbanken (Leerverkäufe, Derivate, Weißwäsche, Rückversicherung ohne Versicherung (CdS),  Cum-Ex). Da war der Portfolio (Aktienpaket)-Kapitalismus.

2001 war auch mit dem Finanz- und Rohstoffsektor Schluss und die Konzernbosse gingen dazu über, ihre Gewinne mit der Aktienkurssteigerung ihrer eigenen Aktie zu erreichen. Das war der „Shareholder-Value“-Kapitalismus. Der hielt auch nur bis 2008.

Seitdem leben wir im fiktiven Kapitalismus. Es wird uns eine gut funktionierende boomende Wirtschaft vorgespielt, dabei funktioniert sie nur noch mit den 0%-Zinsen der Zentralbanken für die Staaten, Banken und Konzerne.
Finanzprofi Florian Homm in FOCUS-MONEY: 
   
„Die Wirtschaftserholung der vergangenen Jahre hat nur durch die Nullzinsen funktioniert. Nur das billige Geld hat   die Industrieländer halbwegs am Leben gehalten.“

(FOCUS-MONEY, Finannzprofi Florian Homm: "Sicher, dass es in den kommenden Wochen knallen wird“)

(DWN: „Weik und Friedrich:  Helikoptergeld ist letztes Mittel,   um Krise herauszuzögern“)

Ernst Wolff schreibt bei KenFM, „Wer erhält das globaleFinanzsystem eigentlich am Leben?ä

„2008 wäre das Todesjahr für das bestehende globale Fi-nanzsystem gewesen, hätten Regierungen und Zentralbanken es nicht durch die größte Vermögensumverteilung aller Zeiten mit Hilfe von Steuergeldern am Leben erhalten. Diese Reanimation aber hatte ihren Preis: Sie hat eine ständig wachsende Schuldenlawine von nie dagewesenem Ausmaß in Gang gesetzt,   die   unablässig   durch   Zinszahlungen   bedient   werden muss. Aus diesem Grund bleibt den Zentralbanken seit 2008 gar nichts anderes übrig, als immer neues Geld zu drucken und es der Finanzindustrie zu immer niedrigeren Zinsen zur Verfügung zu stellen.“

(bei KenFM: Ernst Wolff, „Wer erhält das globale Finanzsystem eigentlich am Leben?“

Der Mann, der das alles vor 150 Jahren prophezeit hat, inklusive dem Finanzmarkt und dem fiktiven Kapital hieß Karl

Marx. Er konnte von Adam Smith die Arbeitswerttheorie übernehmen, aber noch ohne Maschinen. Zu Adams Zeiten  gab es nur Wind- und Wassermühlen.

Rechtzeitig zu Marx wurde auch die Dampfmaschine entwickelt, so dass er die Arbeit, die sich in den Waren kristallisiert, in die tote und lebendige Arbeit aufteilen konnte:

Aber seine geniale Entdeckung ist nun, dass in der Produktion  die zentrale Quelle des Mehrwertes nur die lebendige Arbeit ist. Wenn  wir nun auf der Grafik über Die Kapitalzusammensetzung die Entwicklung des Anteils der toten und lebendigen Arbeit ansehen, dann ist es schon fast zwingend, dass man auf das Ende der Mehrwertproduktion kommt. Und das ist die wichtigste und genialste Entdeckung von Marx gewesen und das wichtigste Schlussfolgerung aus dem Kapital:

 


Heute im Zeitalter der Roboter, wo ein Betrieb nach dem anderen durchcomputerisiert und durchroboterisiert werden, ist doch klar, dass da kein Mehrwert mehr generiert wird. Roboter kaufen nix.

Marx macht das klar an einet Fabrik, die ganz ohne Menschen auskommt, und zwar schon seit Generationen. Man könnte der hergestellten Ware überhaupt kein Tauschwert mehr zumessen.

Angenommen, einer würde das machen, käme garantiert ein Konkurrent, und wird das preiswerter anbieten. Zum Schluss bietet das der kapitalkräftigste Konzern gratis an, um alle Konkurrenten kaputt zu machen und dann ein Monopolpreis zu machen. Dann wäre das aber ein Monopolkapitalismus  und der Konzern würde eingehen an  der Korruption.

Schau ich mir alle empirischen  Einträge über das Gesetz  des
“tendenziellen Falls der Profitrate“ im Internet an, so kann ich nur verzweifeln. Die liegen noch alle gut bei 5-12%. Marx21 beispielsweise ging vor im Juni 1917 noch von 10% aus. Der Autor Thomas Walter bezog sich auf die IWF und OECD Daten, also vom Feind.

Marx21 Tabelle


Dbei bestätigt Blackrock die Durchschnittsprofitrate in der Produktion vor 1 ½ Jahren  von 1% und in dem Finanzsektor von 4%. Auch der Finanzprofi Florian Homm hat seine Analyseteam extra die Durchschnittsdividendenrendite des S&P 500 ausrechnen lassen. In   seinem   neuen   Buch   „Der  Crash   ist   da“  schreibt er; „Heute liegt die Dividendenrendite der Titel im S&P500 bei lediglich  1,8  Prozent.“

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Die Profitraten liegen in der Regel ¼% noch darüber, aber das ist auch mit dem Finanzbereich.

Die Realität der Null% Ktredite
stimmt also eher noch mit der einem Prozent überein. Der kommende Finanztsunami überrascht nicht nur die Normalbevölkerung, sondern auch die ganze Linke, sowohl die reformistische als auch die sich noch „revolutionär“ nennende Linke, die haben alle durch die Bank das Kapital von Marx nicht verstanden.

Ich versuche momentan für mein neues Buch „Das Kapital von Karl Marx, leicht gemacht“ ein Verleger zu finden. Ein Stuttgarter Verlag antwortet mir “Das von Ihnen behandelte Thema ist heute wichtiger denn je … Es würde in unserem Programm schlicht nicht wahrgenommen werden und somit nicht die Leser erreichen, die es verdient. Entsprechend muss ich Ihnen leider absagen.Ich glaube, ich muss es doch wieder teuer selbst ohne Werbung drucken lassen.
So wird sich doch mit Marx erst nach dem Crash auseinandergesetzt und wir vor der argentinischen „Fabriken ohne Boss“-Lösung erst durch die Mühsal eines gerupften und ausgeplünderten Landes durch müssen. Dabei wäre es doch so einfach

p’ = m/(c+v),

wenn man es wüsste.

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