Woher kommen wir, wohin gehen wir
3.2. Der Feudalismus

Norbert Nelte - 10.06.2016 - Philosophie

Die Sklavenhaltergesellschaft wurde von dem „Muss“ zur Sklavenhaltung angetrieben und letztlich zur eigenen Auflösung gebracht. Sie musste sich immer mehr ausweiten, um die Soldaten bezahlen zu können, die man zur Unterdrückung der Sklaven und Rekrutierung neuer Sklaven benötigte. Als es sich nicht weiter ausweiten konnte, setzen sofort die Angriffe auf die Grenzregionen und die Aufsässigkeit der Soldaten ein, und der Schrumpfungsprozess begann.

Die nachfolgenden feudalen Staaten hatten zwar auch noch bis in das 10. Jahrhundert Sklaven, diese prägten aber nicht mehr die Wirtschaftsdynamik der Staaten. Zunächst aber fielen die zentraleuropäischen Länder hinter den Errungenschaften Roms zurück in eine tiefe undokumentierte Vorzeit. Nur am Rande bei den Mauren in Spanien blühte die Wissenschaft, die Medizin, die Architektur und die Technik.

In Mitteleuropa selber wendeten die Menschen sich bei Krankheiten nicht an den Arzt wie bei den Muslimen, sondern an den Pfarrer, den Teufelsaustreiber oder noch an den Druiden. Sie glaubten, dass eine Krankheit die Strafe Gottes sei. In Deutschland gibt es noch viele Kleinkönige wie Siegbert von Köln https://de.wikipedia.org/wiki/Sigibert_von_K%C3%B6ln um 500 oder der Burgunderkönig Gundahar, der im Rahmen der Völkerwanderung sein Volk erst in Mainz und später am Mittelrhein, wahrscheinlich in Worms ansiedelte. Im Rahmen der Völkerwanderung ist er später wieder von den Hunnen vertrieben wurde und hat sich in Burgund an der oberen Rhone wieder ansiedelte und ist da auch begraben. Deutschland bestand von 400 bis 600 praktisch nur aus Völkerwanderung, eine Zeit der Wirren.

„Die Ereignisse um die Zerschlagung des ersten Burgunderreiches und den Tod Gundahars können als der älteste historische Kern derNibelungensage angesehen werden, in der von der Vernichtung der Burgunden unter Gunther durch hunnische Krieger erzählt wird.“ wiki

Von dieser Zeit bis 800 ist nicht viel überliefert. Erst im 9. Jahrhundert wurde eines der frühesten poetischen Textzeugnisses in deutscher Sprache, das Hildebrandslied, veröffentlicht. „Es erzählt primär inalthochdeutscher Sprache eine Episode aus dem Sagenkreis umDietrich von Bern“ (Wiki) Hier wird aber, wie das bei allen frühen Epen ist (Gilgamesch-Epos, Altes und Neues Testament, Nibelungenlied [Lied = Epos], Artussage) vieles hinzugedichtet, damit das Epos unterhaltsam ist. Die Eposschreiber verstanden sich noch nicht als Historiker.

Ganz anders war es ab 787 mit den Annalen: „DieAnnales regni Francorum („Annalen des Fränkischen Reiches“), auch Reichsannalen genannt, sind eine schriftliche Auflistung von Ereignissen (vgl.Annalen) imFränkischen Reich des 8. und 9. Jahrhunderts.“ Karl der Große wollte damit wieder an die antiken Geschichtshistoriker anschließen.

Anders ist das auch bei der „Vita Karoli Magni“ des französischen Gelehrten Einhard, ebenfalls aus dem 9. Jahrhundert. Einhard hält sich an Fakten. Er will eben das Leben Karls des Großen dokumentieren, und das ist schon unterhaltsam genug. Aber er ist ein zu großer Anhänger Karls, um mit Abstand seine Handlungen erklären zu können.

„Aufgrund der Voreingenommenheit des Autors ist der Quellenwert der Vita mitunter nicht unproblematisch. Die Vita ist jedoch eine wichtige Ergänzung zu den anderen Quellen derKarolingerzeit und enthält auch Informationen, die sonst nirgendwo überliefert sind.“ ist bei Wikipedia zu lesen.

Karl der Große holte, wenn nicht die ganzen Völker, so doch die Eliten wie Adel, Kirchenmänner und die Bürger in Europa aus dem dunklen Mittelalter mit seiner karolingischen Renaissance (Erneuerung).

„Karl versammelte an seinem Hof spätestens seit dem Jahr 777 viele Gelehrte aus ganz Europa (Alkuin,Paulinus II. von Aquileia,Paulus Diaconus,Theodulf von Orléans). Damit war gewährleistet, dass dieHofschule noch jahrzehntelang ein Zentrum der lateinischen Gelehrsamkeit (Theologie, Geschichtsschreibung, Dichtung) blieb und von dort Anregungen ins ganzeFrankenreich ausgingen.“ (Wiki) Natürlich auch Anregungen für Benelux, Deutschland, Österreich, Schweiz, Nordbalkan und Norditalien, für ganz Europa.

Naja, da wäre ich auch Anhänger von ihm gewesen, wenn auch kritischer. Wir alle wissen, wie er die Christianisierung betrieb. Oder als er Bayern eroberte. Dem bayrischen König ließ er kurzerhand Beine, Arme und Zunge abschneiden und die Augen ausstechen, so, dass er nie wieder König sein konnte, und in ein dunkles Verließ werfen.

Aber das war eben im dunkle Mittelalter normal. Es gab nur wenig Städte und die Gelehrten waren konzentriert bei dem Hochadel. Die Bildung war ein Monopol der Kirche und der Klöster. Das Donnerwetter der Pfaffen mit der Hölle und dem Fegefeuer glaubten die Menschen natürlich noch 1 zu 1.

In der Kunst kann man die Rückentwicklung der Menschen sehr gut beobachten. Sehen wir uns eine römische Holzmalerei aus Fayum an. Es sind doch die Details gut beobachtet und wiedergeben worden.

Und jetzt eine Fresko Malerei aus dem 8. Jahrhundert. Da war das Christentum schon Staatsreligion in Italien. Der Bauherr der Kirche hat sich extra Künstler von auswärts kommen lassen. Das mutet aber eher wie Kinderkritzeleien an. Schlechter als dieHöhlenmalerei. Die Menschen mussten in allem wieder von vorne anfangen, so hat der Niedergang im römischen Reich unter den Menschen gewütet.

Schließlich wurde um das Jahr 1000 die Sklaverei ganz abgeschafft, da das Mühlensystem auch mit Hilfe der Mauren  das nicht mehr notwendig machte. Das Drei-Vierfeldersystem und die Jauchegrube erhalten dem Bauer die Felder, so dass ein Sklavensystem mit großen Latifundien wirklich nicht mehr notwendig war.

Als Mitte des 14. Jahrhundert die Pest Epidemie ausbrach, sahen die Menschen das fatalistisch immer noch als Strafe Gottes und wandten sich nicht an den Arzt, sondern an die Pestheiligen St. Rochus und St. Sebastian.

Aber Europa hat  Glück im Unglück gehabt. Im Jahre 711 überfallen die Moslems glücklicherweise Spanien und errichten in fast ganz Spanien die maurische Herrschaft. Der Islam war zu dieser Zeit noch viel vorangeschrittener als das Christentum und davon sollte Europa profitieren. Die christlichen, jüdischen und islamischen Wissenschaftler arbeiteten in Al Andalus in den friedlichen Zeiten produktiv zusammen.

Das Zentrum der Moslems war zu dieser Zeit Bagdad und damit auch für die europäische Geisteselite. Um nur ein Beispiel zu nennen. Der persische Arzt Avicenna, Ibn Sina (980 – 1037) mit seinem Kanon, seinem berühmtesten Werk, war bis in das 19. Jahrhundert hinein an den europäischen Universitäten und Bildungsklöstern das Standardwerk.

„Die Periode des Kalifats wird von muslimischen Autoren als das goldene Zeitalter von al-Andalus betrachtet. Mit einem künstliche Bewässerungssysteme nutzenden Ackerbau sowie aus dem Nahen Osten importierten Nahrungsmitteln versorgte die Agrarwirtschaft Córdoba und andere Städte weit besser, als dies die Wirtschaft in anderen Gebieten Europas konnte. Unter dem Kalifat wurde Córdoba mit einer Bevölkerung von vielleicht 500.000 Einwohnern schließlich die größte und wohlhabendste Stadt in Europa noch vorKonstantinopel.[9]

Innerhalb der islamischen Welt war Córdoba eines der führenden kulturellen Zentren. Die Werke seiner wichtigsten Philosophen und Wissenschaftler, insbesondere
Albucasis undAverroes hatten erheblichen Einfluss auf die intellektuelle Entwicklung des mittelalterlichen Europa, und die Bibliotheken und Universitäten von al-Andalus waren in Europa und in der islamischen Welt berühmt und renommiert. So kamen nach der Eroberung von Toledo im Jahr 1085 Gelehrte aus anderen Ländern dorthin, um Übersetzungen wissenschaftlicher Literatur aus dem Arabischen ins Lateinische anzufertigen. Der bekannteste von ihnen warMichael Scotus (um 1175 – um 1235), der die Werke vonAverroes undAvicenna später nach Italien brachte. Dieser Wissenstransfer hatte starken Einfluss auf die Entstehung derScholastik im christlichen Europa.“

810 schon hatte Abbas ibn Firnas von Cordoba einen Flugversuch unternommen, bei dem er mehrere 100 Meter weit geflogen ist (Bild oben). Er vergaß aber, Räder an den Segelflieger zu machen, und brach sich die Beine. Heute ist ein Flughafen in Bagdad nach ihm benannt und eine Brücke in Cordoba.

Die Araber übernahmen nicht nur von den Chinesen die Technik der Papierherstellung, sondern sie entwickelten sie weiter, indem sie die Stärke zusetzten. So gibt es in Al Andalus das erste Buch aus Papier. In Xativa bei Valencia gab es bereits Mitte des 12. Jahrhunderts eine blühende Papierwirtschaft und da liegt heute immer noch das spanische Zentrum der Papierindustrie.

Wir haben von ihnen das Dezimalsystem. Aristoteles ist in Bagdad auf arabisch übersetzt worden und gelangte durch Gerhard von Cremona (1114 – 1187), der in Toledo wirkte, zu den christlichen Gelehrten nach Europa.

„Im Laufe von mehr als vierzig Jahren übersetzte Gerhard mindestens 70 philosophische und naturwissenschaftliche Werke aus dem Arabischen ins Lateinische, wobei die Zuschreibung nicht in allen Fällen als gesichert gelten kann. Zu diesen Werken zählen unter anderem:

Als Pirminius 724 das Kloster Mittelzeil auf der Insel Reichenau gründete, brachte er die Bücher aus Al Andalus mit, die heute die Bibliothek Reichenau bildete. So haben überall in Europa die Mönche ihre Klöster mit Büchern aus Al Andalus bereichert.

Also wir sehen, dass es mit Hilfe der Araber gelungen ist, Europa nun doch noch zu seiner Renaissance, zu seiner Erneuerung im 15. und 17. Jahrhundert zu bringen. Wenn die Römer bei ihrem Fall nicht auch Europa mitgerissen und die Völkerwanderung Europa den Rest gegeben hätte, hätte Europa gleich mit der Renaissance weiter machen können, also sich mindestens 500 Jahre dunkles Mittelalter inklusive Romanik sparen können.

In der Renaissance schloss Europa sich wieder an der Antike an. Michelangelo brachte die Geschmeidigkeit in die antiken Plastiken und Machiavelli studierte die römische Herrschaftsausübung und brachte der Machtelite wieder in Erinnerung, was eigentlich richtiges Herrschen heißt, „teile und herrsche“.

Mit der Hilfe der Moslems hat Europa um diese Zeit die Moslems mit den Produktivkräften überholt. 1258 belagerte Hülegu Khan, der Enkel von Dschingis Khan, mit seinem Mongolenheer Bagdad. Sie ermordeten etwa 100.000 bis 1.000.000 Bewohner, verbrannten alle Bibliotheken, verwüsteten die Kanalisation und besetzten Bagdad über 100 Jahre. „Im Ergebnis wurde Bagdad für lange Zeit bedeutungslos und die Einnahme der Stadt wurde als der Endpunkt derBlütezeit des Islam angesehen“ (wiki)

Dazu kam, dass das im Alten Testament befohlene Zinsverbot
„Du sollst nicht Zins von ihm nehmen und sollst dich fürchten vor deinem Gott, damit dein Bruder neben dir lebt.“, mit dem Zweiten Laterankonzil von 1139 nochmal bestätigt, auch von allen Päpsten, ab 1500 nicht eindeutig, aber im Westfälischen Frieden von 1648 dann explizit aufgehoben wurde. Das hat natürlich dann die Investitionen in gute und die Wirtschaft voranbringende Geschäfte sich nun lohnten und das christliche Europa den Islam nicht nur einholte, sondern weit überholte.

Von der Renaissance bis zur Aufklärung Mitte des 18. Jahrhunderts war es dann nicht mehr weit. Kant machte den Menschen klar, dass sie nur ihrer Vernunft folgen brauchen, also nicht mehr den Märchenerzählern am Beichtstuhl. Die katholische Kirche schickt allen Befreiern von Hölle und Fegefeuer den Bannstrahl des Rachengels wie hier im Bild dem vom Teufel besessenen Marquis de Sade, aber das half nichts mehr, die Zeit des Feudalismus war abgelaufen.

Der Feudale hatte sich gegen sein Ende zwar aufgelehnt, indem der König in den Zünften weitere arbeitssparende Maschinen in den Städten verbot, aber das half auch alles nicht mehr. Ende des 18. Jahrhunderts waren schon die wichtigsten Länder Republiken, die USA, Frankreich und Großbritannien. In Deutschland sind die Siemens und Daimlers alle auf das Land gegangen und schufen dort alle zwischen 1830 – 1870 die Voraussetzungen für den Kapitalismus und auch dort kam der Kapitalismus mit Verspätung, aber er kam mit kurzer siebenjähriger Unterbrechung der Leninschen Arbeiterregierung. Letztlich durchdrang aber der Kapitalismus ob Privat oder Staatskapitalismus, die ganze Welt.

Wir sehen, auch der Feudalismus war wie die Sklavenhaltergesellschaft ein System mit eingebautem Ende. Bei der reinen Sklavenhaltergesellschaft war der Zwang, äußerlich zu wachsen. Bei dem Feudalismus war es der Zwang, innerlich nicht wachsen zu dürfen. In dem Moment, wo die Produktionskraft wie die Dampfmaschine oder der Generator die Grenzen der feudalistischen Kontrolle sprengte, war es schon um die „von Gottes Gnaden“ ausgewählten Herrscher geschehen.

Norbert Nelte
Internationale Sozialisten

Wo kommen wir her - wo gehen wir hin? 1

Wo kommen wir her - wo gehen wir hin? 2

Wo kommen wir her - wo gehen wir hin? 3.1. Die Sklavenhaltergesellschaft

Wo kommen wir her - wo gehen wir hin? 3.3. Vom Kapitalismus zur Räterepublik

auch in diesem Zusammang sehr interessant:

Matrilineare Völker, Erbe der Jäger- und Sammlergesellschaft

 

Home

Web Counter