Ist der Islam demokratiefähig

Norbert Nelte - 25.02.11 - Philosophie

Besonders nach dem volksverhetzenden Buch von Sarrazin glaubt die große Mehrheit der aufgehetzten Bevölkerung, dass die moslemische Bevölkerung nicht gebildet sei und daher gar nicht fähig für eine demokratische Gesellschaft. Als Argument dienen Sarrazins Gen Behauptungen und solche verdrehten Feststellungen, wie ein Kommentator bei einem youtube-Video das “In der gesamten islamischen Welt gerade einmal so viele ausländische Bücher übersetzt werden wie im kleinen Portugal. Was sagt das über den Wissens- und Bildungsstand von 1,5 Milliarden Moslems aus? Ist daran nicht zu erkennen, daß vielen gar nicht klar zu sein scheint, daß es noch andere Lektüre gibt außer dem Koran?“

Das ist schon eine bösartige Unterstellung, denn es ist eigentlich bekannt, dass nur bei ganz wenigen Ländern arabisch auch die Muttersprache ist. Das beweist eher das Gegenteil, dass die Moslems oft 2 bis 3 Sprachen sprechen, ihre Muttersprache (bei den Tuareg z.B. Tamascheq, die Landessprache (z.B. Französisch, Englisch oder die Sprache der Emigration) und Arabisch. Da wird in den Landessprachen studiert und weiter gebildet.
Hier noch ein Kommentar, der zeigt, dass das Vorurteil bei den etablierten Deutschen sehr verbreitet ist, dass der Islam bildungs- und damit demokratiefeindlich sei: „Der Islam gehört ebensowenig nach Deutschland wie die Malaria und wir sollten darauf achten, daß er nicht weiter eingeschleppt wird. Denn das einzige wirksame Gegenmittel heißt Bildung. Und gegen die sträuben die Infizierten sich ja meist.“

Dieses Vorurteil wurde am 11.9.2001 von den westlichen Regierungen ganz bewusst aufgebaut, um die kriegerische Konfrontation mit einer anderen Kultur aufzubauen, um ihr den schwarzen Peter für den Niedergang der weißen Vorherrschaft zuzuschieben, und das Öl aus diesen Ländern zu erhalten. Nachdem aber doch unerwartet im Sudan, in Angola, Vietnam, Brasilien Öl gefunden wurde, deren Förderung sich auch trotz des hohen Ölpreises lohnt und weiteres in Alaska, Kanada im Ölschiefer und der Tiefsee um Amerika lohnend abgebaut wird, hat man den Grund der Islamphobie verlagert. Nun arbeiten die wildgewordenen Kleinbürger wie Geert Wilders oder Sarrazin mit der Islamphobie, um in der Wirtschaftskrise die Arbeiter zu spalten und damit in den Tarifverhandlungen zu schwächen.

Wir erleben im arabischen Raum gerade ein ganz anderes Problem, dass die Jugend schon gebildet ist aber damit keine Arbeit findet. Hier ist es wichtig zu hinterfragen, woran liegt das? Wir müssen untersuchen, woran as liegt, liegt es vielleicht doch an der Religion?

Die Araber waren während der Römerzeit noch weitgehend Nomaden und hatten wie alle Nomaden in der Welt noch mehrere Götter. Sie mussten an die Römer ihre Abgaben leisten und Rom kontrollierte den Handel auf der Seidenstraße, der Weihrauchstraße und bei den Gewürzen. Die Araber wurden praktisch von den Römern bis zum orientalischen Limes hinter Syrien/Jordanien unterdrückt. Mohammed wurde in Mekka, einem Handelszentrum an der Weihrauchstraße, geboren und musste dort die Unterdrückung in Form von sehr hohen Steuern vom christlichen Imperium hautnah miterleben.
Nach dem Untergang des römischen Reiches 395 führte dann nämlich das oströmische Reich die Kontrolle und Unterdrückung unter christlichem Banner von Byzanz fort.

Seit 381 wurde in Byzanz unter Theodosius das Christentum schon zur Staatsreligion erhoben. Die Christen waren jetzt also die Unterdrücker der Araber. Den Arabern gelang es an einzelnen Stellen, die fremde Macht zu vertreiben, aber Justinian I. (527-565) stellte den Umfang des christlichen Imperium Romanum wieder her.
Für die Araber wurde es notwendig, die arabischen Nationen zusammenzufassen, um gemeinsam die Christen aus dem Land zu verjagen um selber den zivilisatorischen Reichtum behalten zu können. Dazu gründete Mohammed 622 die islamische Religion, die ebenfalls wie die Juden und Christen abrahamitisch und damit auch monotheistisch ist. Nachdem er einen großen Teil der arabischen Halbinsel befreite, starb der Religionsgründer 632.

634 eroberten die Araber Damaskus. Der Bischof dort durfte religiöser Oberhaupt der Christen bleiben und zahlte an die Araber weniger Steuern als dass 3er vorher an das christliche Byzanz bezahlen musste. Das Imperium verlor mit den vorderorientalischen Besitzungen zwei Drittel seines Territoriums, drei Viertel seiner Steuereinnahmen und über die Hälfte der Bevölkerung.

Die Gründung der Islam ist letztlich nichts anders als ein Reflex der aggressiven imperialen Politik der Christen von Byzanz. Nun ist die christliche Religion nicht aggressiv, es sind die sozialen Verhältnisse der Klassengesellschaft des römischen Reiches, egal ob mit Jupiter oder Jesus. Religionen sind nie aggressiv, sie sind letztlich wertfrei. Das aber gilt natürlich auch für die Moslems. Sie haben noch nie in der 1. Liga der Klassengesellschaft gespielt und konnten deshalb meist humanitär auftreten. In dem Moment, als sie in der 2. Liga auftraten, lief das auch schon barbarisch ab, wie beim Sklavenhandel oder im Iran oder seinen Agenten.
Beides Mal spielten sie die subimperialistische Rolle im Auftrag des obersten Imperialisten. Beim Sklavenhandel der Araber ist das klar. Ohne Sklavenhaltung im Westen hätte es kein Sklavenhandel gegeben. Auch die Mullahs im Iran üben ihr barbarisches Regime mit der Förderung des Westens aus. Nachdem die Ölarbeiter in Abadan in den Streik traten und der Schah wegen der Aufstände am 16.1.79 das Land verlassen hatte, beschlossen auf der Konferenz von Guadeloupe der französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing, Präsident Jimmy Carter aus den USA, Premierminister James Callaghan aus Großbritannien und Bundeskanzler Helmut Schmidt, den Schah nicht mehr zu unterstützen und das Gespräch mit Ayatollah Ruhollah Chomeini zu suchen, dass dieser am 1.2.79 nach Teheran fliegen konnte.

Nach der Revolution mobilisierten die Arbeitslosengruppen, die Frauen, die nationalen Minderheiten (Araber, Kurden, Aseris und Belutschen) und die Schoras (Arbeiterräte) 1,5 Millionen Menschen auf die Demo am 1. Mai 79, die Mullahs dagegen auf ihrer Separatdemo nur ein paar Tausend. Die Arbeitermassen mit den basisdemokratischen Arbeiterräten drohten, das bürgerliche System zu stürzen, deshalb war es für die Alliierten schon wichtig, dass sie Khomeini nach Teheran schickten, dass er mit seiner Autorität, mit seinen Schlägertruppen der „Pasdaran“ und den Fehlern der maoistischen linken Führung (siehe Iran 1979 von Maryam Poya) die Linken zurückdrängen konnte und so sein Folter- und Henkerregime einführen, sie hatten das ja auch alles von der vom CIA angelernten SAVAK gelernt.

Der islamische Fundamentalismus ist nicht nur eine Reaktion auf den Westen, sondern oft auch ein Produkt des „aufgeklärten“ Westens, wie die vorigen beiden Beispiele zeigten. Auch die Taliban sind ein Produkt der Amerikaner. Sie haben diese unterstützt gegen Russland, die Ukrainische Terrororganisation in Pakistan und andere im Kampf gegen die UdSSR aufgebaut und dazu ganze Hubschrauberladungen Koran nach Pakistan eingeflogen. Jetzt hat sich der Zauberlehrling im Iran, in Afghanistan und Pakistan verselbstständigt und da hetzen die westlichen Regierungen die Völker auf gegen den Orient. Sogar studierte Leute wie Henryk M. Broder glauben doch allen Ernstes, dass die moslemischen Völker schon immer ungebildet und autoritär gewesen seien.
Dabei ist das Gegenteil der Fall. Ohne die islamischen Araber und die Mauren in Spanien wären wir Europäer vielleicht noch 300 Jahre zurück, wir hätten vielleicht gerade festgestellt, dass die Erde um die Sonne kreist. Die Mauren haben die Renaissance erst ermöglicht.

Das islamische Kalifat in Arabien trieb schnell zur Blüte, nachdem sie die Oströmer aus dem Land gejagt haben. Hier gab es die ältesten Städte und Universitäten wie Damaskus, Bagdad, Jerusalem und Kairo, die alle 3.000 Jahre alt sind, während in Europa die Ansammlungen nur Dorfgröße in Holzbauweise besaßen. Die ältesten Kulturen in unserem Kulturkreis um Mesopotamien und Ägypten, die älteste Schrift, die Metallurgie, die organisierte Waffenproduktion, die ersten Paläste, das Beamtentum, die Kanalisation und der Ackerbau entstanden hier. In Damaskus endete die Seidenstraße und brachte aus dem fernen China Erkenntnisse mit für den Buchdruck oder das Schwarzpulver. In Arabien wurde die Papierherstellung um 750 von einem gefangen Chinesen in Samarkand weiter aufgenommen. In Bagdad wurde um 795 die Papierherstellung aufgenommen, 870 erschien dort der erste Papiercodex. Die Mathematik, die Astronomie, die Architektur sind hier entwickelt worden. Wir haben die Zahlentypen und das Dezimalsystem von den Arabern übernommen. Die Portugiesen lernten von den arabischen Daus gegen den Wind zu segeln.

In Bagdad wurden die griechischen Philosophen ins Arabische übersetzt. Bagdad war nach der Befreiung von den Römern das Zentrum der Welt wie heute New York und morgen Schanghai. Vor Rom war es Babylon (bei Bagdad) von 3.000 vor bis 500 vor. Avicenna aus Buchara (980-1037), ein persischer Arzt, Physiker, Philosoph, Jurist, Mathematiker, Astronom und Alchemist sezierte Leichen trotz Verbot des Islam. Sein Buch über die Medizin, der Kanon von Avicenna, wurde um die Mitte des 12. Jahrhunderts von Gerhard von Cremona in Toledo ins Lateinische übersetzt und er blieb bis ins 17. Jahrhundert eines der Hauptwerke an den europäischen Universitäten und Klöstern der medizinischen Wissenschaft.

Wir sehen bis hier schon, das uns die islamische Welt weit voraus war. Na gut, die Islamophobisten werden aber einwenden, gut, das war damals, wir schreiben aber 2011. Richtig, das beweist aber doch, dass weniger Bildung nichts, aber auch gar nichts mit dem Glauben zu tun hatte, denn damals war das ja der gleiche Glaube. Vielmehr hat der gegenwärtige geringere wissenschaftliche Forschungsstand, dass der Orient im 15. Jahrhundert vom Okzident eingeholt wurde, mit anderen Faktoren zu tun. Persien und Bagdad wurde 1255-58 von Dschingis Kahns Enkel Chülegü erobert, was zum Niedergang der arabischen Welt führte. Vasco da Gama eröffnete nach 1498 den Seeweg nach China, was die Seidenstraße bedeutungslos machte und die Araber nicht mehr davon profitieren konnten.

Hinzu kam noch, das die Christen in Italien im 13. Jahrhundert mit dem Entstehen des Bankwesens das Zinsverbot aufgaben und die Moslems eben nicht. Das machte Investitionen lohnend und damit konnte da Christentum schnell die Moslems überholen.

Aber erst noch geht die Erfolgsgeschichte des Islam weiter. Schon 711 eroberten die Araber Spanien und entwickelten dann das Al-Andalus recht schnell zur Hochblüte. Die christliche und jüdische Bevölkerung hatte gleiche Rechte und genoss sogar den Schutz der Emire. Moslemische, christliche und jüdische Wissenschaftler haben produktiv zusammen gearbeitet, wobei die Araber die Bücher aus dem arabischen ins spanische übersetzten und die Christen dann vom spanischen ins lateinische. Bei einem Krieg zwischen den Mauren und den Christen glaubten die christlichen Kriege, dass die Mauren mit Eisenkugeln warfen und das war lange vor der Erfindung der Kanone.

Der Gelehrte Abbas Ibn Firnas sei der erste Mensch gewesen, der einen (mit Geierfedern versehenen) Hängegleiter entwickelt und im Jahr 875 bei Granada geflogen habe. Aristoteles ist uns nur über Al Andalus und die Übersetzung von Bagdad bekannt. Der Mönch Pirmin brachte im 8. Jahrhundert die Bücher aus Al Andalus mit und gründete damit 724 auf der Bodenseeinsel Reichenau das Kloster Mittelzell und konnte somit das Kloster zum Zentrum in Europa aufbauen. Ohne die Mauren in Andalusien hätte Europa nicht so schnell die Renaissance und die Aufklärung erreicht. Der christlich Gesandte bei Otto I. war erschrocken über die Dunkelheit in den Burgen hier. Er erzählte, dass bei ihnen in Granada die Alhambra lichtdurchflutet sei und sogar nachts die Straßen beleuchted sind.

Heutztaget ist natürlich nicht bei den Moslems alles Bestens, ich erinnere nur an den Iran oder die Reiterarmee im Sudan. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit der Religion zu tun. Im Sudan ist das nichts anderes als die Auseinandersetzung zwischen Bauern und Nomaden und dieses Mal bringt der Abel den Kain um. Zum Iran haben wir schon oben die Beihilfe der Allliierten bei der Machtübername der Mullahs  auf der Konferenz von Guadeloupe aufgezeigt.  Im Iran gab es schon im Jahr 1906  die erste Nationalversammlung, da standen hier noch alle vor dem Kaiser stramm.

„Die Medschlis, trat 1906 zusammen. Sie schuf die traditionelle Landzuteilung ab, führte ein modernes Steuersystem ein und nahm den Landherren und dem Klerus ihre Regierungsfunktionen ab. Das Herz der neuen zentralen Macht wurde die Schahmonarchie.“

Kasravi, "Tarikhe Mashroteh Iran" (Die Geschichte der iranischen Verfassung) (in persisch, Teheran 1975).
Natürlich war das noch nicht die superreine bürgerliche Demokratie. Aber 1951 - 1953 haben sie das mit Dr. Mossadegh gehabt, der zwar von Mohammad Reza Schah Mossadegh zum Premierminister ernannt wurde, aber. neun Tage später ihm vom Parlament mit 99 zu 3 Stimmen das Vertrauen ausgesprochen bekommen hat. Er  hatte nur einen „Fehler“ gemacht, er hatte das Öl nationalisiert und dann hatte der CIA gegen Mossadegh geputscht und den US treuen Schah Mohammad Reza Pahlawi an die Macht gebracht, von dem die Mullahs das Foltern gelernt haben.

Der Westen brachte immer die konservativen Kräfte der Moslems an die Macht wie auch 1979 im Iran.
Also von wegen der Orient ist nicht demokratiefähig. Im 18.und 19. Jahrhundert hat er Westen jeden Demokratieansatz mit dem Kolonialismus zerschlagen und ab 2001 mit seiner Islamophobie, weil der USA die Sowjets als Feind abhanden gekommen ist.

Kaum hat Amerika die Weltherrschaft verloren, gibt es einen großen Aufbruch in der moslemischen Welt. Nichts hört man mehr von moslemischen Fundamentalisten. Der CIA hat gar kein Geld mehr, um seine Provokateur-Agenten ausreichend zu bezahlen. Je schwächer Amerika wird, umso weniger werden wir etwas von einer Al Quaida hören.

Es waren doch Amerikas Diktator-Vasallen, die immer dann die Al Quaida-Karte zogen, wenn sie unter Druck standen. Und jetzt macht dies der wirre Gaddafi wieder, um seine Leute enzulullen. Die Al Quaida würde die Jugend unter Drogen setzen und so zum Aufstand aufhetzen, behaptet er. Also, wem nutzt die Al Quaida, Cui bono?
Wenn jetzt ein Öl-Staat nach dem anderen bürgerlich demokratisch wird, werden die Völker einen höheren Anteil von den Ölgewinnen fordern. Aus diesem Grund waren die Westmächte immer für die Diktatoren, das liegt nicht an einer angeblichen Demokratieunfähigkeit der Moslems.

Sie, der Terrorismus, Bin Laden und die angebliche moslemische Bildungsschwäche und Intoleranz, das sind alles nur Erfindungen der westlichen kapitalistischen Staaten. Mit dem Niedergang der Vereinigten Staaten von Amerika wird sich das alles in Schall und Rauch auflösen. Wenn dann die arabischen Diktaturen gestürzt sind, kommen die afrikanischen und asiatischen dran und alle Revolutionen werden in permanente Revolutionen übergehen, aber das ist schon wieder eine neue Geschichte.
Norbert Nelte

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