Burt, der Schwertkämpfer aus der Unterstadt. (Real Fiction)
In den Katakomben von Las Vegas

Norbert Nelte - 30.07.11 - Ökonomie

Vollkommen außer Atem hatte sich Burt zu seinem Nachtlager unten in der Kanalisation von Las Vegas geflüchtet. In der Unterstadt hausten hunderte der überflüssigen Entlassenen und aus ihren Häusern Geworfenen. Hier flüchtete er immer wieder hin. Es gab hier schon längst keine Sheriffs mehr, die gab es nur in der Oberstadt um sie immer wieder wie die Ratten hier runter zu treiben, damit die Touristen nur das Glitzer-Vegas zu sehen bekommen. Aber lassen wir ihn selber sprechen.

„Ich wischte das Blut vom Schwert an meinem Schlafsack ab, und kontrollierte das Putzergebnis, ich wusste ja nicht, ob einer über den Jordan gegangen ist und die Bullen hier auftauchen, aber die wagen sich nicht mehr hier rein. Der Gast von den Nachbarjungen leuchtete mir bei der Inspizierung des Schwerts mit seiner Taschenlampe.
Ich war von Kampf eben noch ganz geschockt und in dem Moment filmte mich gerade ein Reporterin aus Germany und stellte komische Fragen, so mit, wie nannte die das noch mal, „Arbeitslosengeld“, Jobgarantie, Mindestlohn und so was, ich weiß nicht, wovon die spricht, auch wenn sie guten, alten Texas-Slang redet. Ich habe auch schon die meisten Wörter vergessen. Hier unten reden wir auch nur Telegrammstil, da braucht es nicht viele Wörter, Okay?

Ich wollte mir gerade von meinem Kartoffelbeet neue Kartoffeln holen, da kamen zwei Jungs die Straße aus Phoenix runter und sahen mich meine Erdäpfel rauspulen, man, da fragt mich doch der Größere, ob sie auch ein paar haben könnten sie hätten schon seit Tagen außer Regenwürmer und Ameisen nichts mehr gegessen. „Das letzte anständige Dinner war eine Ratte, die uns in unserem Tunnelblock in Phönix nachts über die Bäuche lief“.

Sorry, erwiderte ich, die langen leider gerade mal für mich. Die Wohlfahrtsorganisationen kommen ja nicht zu uns in die Katakomben und zu ihnen rauf dürfen wir nicht mehr. Mein Kartoffelbeet liegt zwischen dem Bahndamm und dem Highway, müsst Ihr wissen. Ich hatte extra Büsche um das Kartoffelbeet gepflanzt, damit man das nicht so einsehen kann aber gerade heute war eine Schneise eingegangen und so konnten die Burschen mich sehen.
Verdammt, kaum habe ich mein Sprüchlein aufgesagt, da haben die sich mit gezückten Messern vor mich aufgebaut. Ich habe, seitdem ich in der Unterwelt lebe, immer mein Schwert griffbereit neben mir liegen und hielt sie damit auf Abstand, aber gleichzeitig griff ich mit der linken Hand mein Messer. Der Kleine umkreiste mich, um mich von hinten zu überwältigen.

Da stach ich schnell zu, nach vorne und nach hinten, doch nicht mit Sword-Burt, aber, Tatsache, das war nur Notwehr.

In diesem Augenblick kamen die Kumpels von denen und riefen, was los sei. Einer röchelte noch was von abgestochen, da fingen die an, scharf zu schießen. Ganz fix verdrückte ich mich über den Bahndamm und bin jetzt hier, Shit, ich muss ein neues Kartoffelanbaufeld finden, mmh, vielleicht hier in der Nähe, bei den Pueblos im Canyon? Ja genau, da könnte ich ja auch wohnen und da lassen einem die blöden Banken mit ihren Zwangsräumungen in Ruhe.

Ich war nämlich früher Frisörmeister mit Frau, Kindern, Ford und Haus und allem. Plötzlich waren da lauter Bauruinen, Casinos wurden geschlossen, die Bauarbeiter, Croupiers, Küchenleute und Hotelangestellten entlassen und plötzlich blieben meine Kunden weg, Job weg, Ford weg, Frau und Kinder weg und jetzt habe ich nur noch mein Schwert, das ist alles, was von 30 Jahren Plackerei übrig geblieben ist.

12 Millionen Familien sind schon aus ihren Häusern geworfen worden, wohnen in ihren Autos, im Zelt in den Tent-Citys oder im Wald, unter der Brücke, in der U-Bahn, in Fußgängerzonen oder wie wir, in der Kanalisation, das ist fast schon Luxus gegenüber allen anderen.

Ich unterhalte mich noch mit den jungen Leute links neben mir, mein Großvater wanderte 1926 aus Irland ein, wir hatten doch irgendeinen Grund gehabt, dass wir in diesem fucking Amerika blieben, frage ich, ich habe as vergessen. Yes, ihre Väter schwärmten immer von dem amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär, aber jetzt sind sie auch von der Deutschen Bank aus ihrem Doppelhaus rausgeschmissen worden und die ganze Familie wurde in alle Winde zerstreut.

Da meldet sich Donald, der mit dem Star & Stripes über seiner Luftmatratze rechts von mir zu Wort, nein, „natürlich denke ich positiv, es wird in Amerika wieder aufwärts gehen, daran glaube ich“. Der war früher Präsident der Abwicklungsgesellschaft NCL, da muss er ja so eine gequirlte Scheiße reden [Entschuldigt bitte Burts Fäkalsprache, aber die sprechen in der Unterstadt alle so, egal ob früher Rechtsanwalt oder von der Müllabfuhr. NN]

Plötzlich hatte keiner mehr Geld, auch für die Auflösungen der Pleitefirmen nicht mehr und dann lief es bei ihm wie bei mir: Job weg, Cadillac weg, Haus weg, Frau und Kinder weg und jetzt hat er nur noch seine Stars & Stripes und seine Luftmatratze.

„Aber ich bitte Di ch, Don, wer glaubt denn noch daran, wenn man ganz unten ist. Jetzt haben die in Minnesota pleite gemacht und vorgemacht, wie es demnächst in ganz Amerika aussieht, hier, ich hab den Schnipsel extra aufgehoben:“

„Seit dem 1. Juli ist die Regierung in Saint Paul nicht mehr zahlungsfähig, im Haushalt klafft akut ein Loch von 1,4 Mrd. Dollar. Zahlreiche Behörden sind seitdem geschlossen, zwei Drittel aller Beamten wurden in unbezahlten Zwangsurlaub geschickt. Alkohollizenzen und Führerscheine werden nicht mehr ausgestellt, Lotterielose nicht mehr verkauft, Baustellen nicht mehr bebaut. Selbst die Nationalparks und die Rennstrecke sind geschlossen.

"Den Finanzminister kommt dieser Stillstand teuer zu stehen", rechnet Thomas Stinson, Ökonom an der Universität von Minnesota, vor. "Die Lotterie spielt rund 10 Mio. Dollar im Monat ein, weitere 4 Mio. kommen aus den Parks." Dass auch die Beamten, die das Geld säumiger Steuerzahler eintreiben, nicht mehr arbeiten, koste sogar 50 Mio. Dollar. "Außerdem geht das Aufkommen aus Einkommensteuer und Mehrwertsteuer spürbar zurück."

„Und jetzt das gleiche in Washington, man, 4,34 Billionen machen die jetzt Schulden jedes Jahr, 1,5 neue und 2,84 alte, und da sind die Zinsen noch gar nicht eingerechnet. Im August fallen schon wieder Kreditausläufe von 500 Mrd. an, da sind die 2,5 Billionen Schuldenausweitungen zum Jahreswechsel wieder weg. Wir haben derzeit schon 103% Schulden vom BIP und in ein paar Jahren, wenn die 2. Kreditcharge ausläuft, kommt die 3., und dann muss Amerika schon 7 Billionen jährlich zahlen und niemand leiht uns dann noch was. Heute schon kauft nur noch die FED die US-Staatsanleihen und garantiert das mit unseren den Pensionsfonds. Die sind auch schon bald alle und dann garantieren sie die Dollardruckerei mit unserem Basketball national Team, so wie die Spanier jetzt Ronaldo als Garantie eingesetzt haben, aber dann gibt’s hier auch ne Revolte, wenn unsere Stars alle nach China verkauft werden.

In diesem Punkt gab er mir Recht, wobei er aber sonst immer an die „tea party“ glaubte, aber woher ich dann das alles wüsste? wollte Donald wissen.

Na ja, ich treffe mich öfters mit meinem alten Kollegen Ronald an der Grenze zur Oberstadt, der hat einen Cousin mit einem Altmetallhandel und da hat er noch einen Job bekommen. Die kriegen das Alteisen von denen die die Leitplanken, Schilder oder Gleise abschrauben und schicken das Containerweise nach China. Der Ronald liest immer im Internet, spricht auch German und liest dort die Linke Zeitung, daher weiß er das alles und erzählt mir das immer. Morgen treffe ich ihn wieder, mal schauen, was er von meinem Plan mit den Pueblos hält.

Also, fuhr ich fort, werden letztlich wie in Minnesota Millionen Beamte, Sheriffs, Feuerwehrleute, Lehrer, Zootierpfleger, Museumswärter und und und auf der Straße und bei uns in der Unterstadt landen, In den Staaten läuft bis jetzt wenig dagegen Nur in Wisconsin gab es mal ne gute Sache.

Die Europäer machen das richtig. Ist Dir schon mal aufgefallen, lieber Donald, dass die Länder, bei denen es schon permanente Aufstände gibt, genau identisch sind mit den antiken Hochkulturen? Karthago, heute Tunesien, Leptis Magna, Tripolitanien, Kyrenaika, heute Libyen, Ägypten, der Fruchtbarer Halbmond mit Israel, Jordanien, Syrien und Mesopotamien, heute Irak, die verarbeiten erst mal den Krieg, dann die Königin von Saba, heute Jemen, kennst Du das Girl, die musste beim Salomon über den Spiegel laufen und dann ging er mit ihr.

Gut, dann weiter mit Griechenland, Spanien, da kommt Hannibal her und zum Schluss Italien da gab es schon viele Besetzungen, da wird es auch demnächst abgehen. Mit den Hochkulturen rein in die Klassengesellschaften und mit den 3 bis.5000 Jahre alten Ex-Hochkulturen wieder raus aus den Klassengesellschaften. Das liegt vielleicht am milden mediterranem Klima?

Wir hatten ja auch die Majas als antike Hochkultur gehabt und die haben ja auch schon in Oaxaca eine Revolte ausprobiert“

„Ach, Du bist so’ne Hochkultur“, wandte Don ein, „Du träumst vielleicht vom fruchtbaren Halbmond“
„Ja, Du denkst nur an Feuchtgebiete, aber das ist ein Begriff aus der Archäologie und ein klimatisches Gebiet. Hier, die Jungens haben zufällig ihren Laptop dabei. Wiki-Zitat: „Das Gebiet gilt als eine der Ursprungsregionen der Neolithischen Revolution, des Übergangs von der nomadischen Lebensweise zu Ackerbau und Viehzucht sowie später als Gebiet mit einigen der ältesten Stadtkulturen der Welt.“ Da liegt z. B. Aleppo, die älteste Stadt der Welt oder Damaskus, auch schon wie Kairo 3000 Jahre alt.

Bei Dir fing ja alles erst vor 5000 Jahren mit der Schöpfungslehre an. Nach Deinen christlichen Fundis hat der Mensch zusammen mit den Sauriern gelebt, danach würde ja doch die Geschichte mit Fred Feuerstein mit seinem Saurier-Taxi stimmen.“

„Ach“, sagt da Donald, „Die 11.000 Jahre alte Neolithische Revolution ist doch nur eine Erfindung von Wikipedia.“'

„Nein“, versuchte ich ihn aufzuklären, „Der Mensch ist schon 2,5 Millionen Jahre alt und die Saurier sind vor 60 Millionen Jahren ausgestorben. Warum erzählt denn Dein Noah Mythos nur was von Tauben und Raben, aber nichts von einem Flugsaurier, hä? Weil die Raptoren schon längst ausgestorben sind. Du mit Deiner „Tea Partie“. Die reißen uns morgen am 2.8.11 erst richtig in die Krise rein. Bei denen endet das so wie in Oslo, Alle gegen Alle.
Komm jetzt schlafen wir. Ich wollte mich morgen um 7 Uhr früh vor seiner Arbeit mit Ron treffen, da will ich noch ne Runde pennen.“

Don murmelte noch „Träum noch von Deinem Halbmond“, aber so, wie man sich Burts Gesichtszuckerei erklären konnte, träumte er eher von der Schießerei wegen seiner Kartoffeln heute Nachmittag. Nur noch ein leises Schnarchen drang durch die Katakomben und die Geister des Verfalls und des Aufbaus eroberten die Nacht.

Vielleicht kann man sich Burts Beobachtung der Identität der antiken Hochkulturen mit den Ländern mit Aufständen auch so erklären, dass man sich zwar das Entstehen der Klassengesellschaften mit dem milden Mittelmeerklima im Zusammenhang mit den Kupfervorkommen erklären kann, aber die Aufstände rühren doch eher daher, dass mit China das Ende des Marktes erreicht ist und die Zusammensetzung des Kapitals annähernd seinen Höhepunkt erreicht und somit eine parasitäre Klasse keinen Raum und keine Berechtigung mehr hat, sie sind die wirklichen Überflüssigen und sollten sich bei uns Hand- und Kopfarbeitern einreihen. Sie sind nichts Besonderes.

Die alten herrschenden Klassen um das Mittelmeer sind bereits so verkommen, dass sie angesichts ihres Endes die Korruption auf die Spitze getrieben haben. Die einfachen Völker dort jedenfalls haben die Klassenunterdrückerei vollkommen satt. Aber wir wollen einer künftigen Untersuchung die Beantwortung der sicher hochinteressanten Frage überlassen.

Was aus dem Umzug von Burt in den Canyon geworden ist, erzählt er uns das nächste Mal, vielleicht hat er ja auch eins andere Lösung für seine Kartoffeln gefunden.

Norbert Nelte

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