Finanzkrise, 1.2. Die Grenzen des Marktes

Norbert Nelte - 21.06.2010 - Finanzkrise

Der Kapitalismus ist davon abhängig, dass er sich ständig ausweitet. Die Produktionsweise mit der Konkurrenz zwingt die einzelnen Betriebe dazu, permanent zu rationalisieren, halten sie einmal damit inne, werden die Konkurrenzbetriebe sie überholen und zu guter Letzt vom Markt werfen.

Wenn aber mit einer Maschine rationalisiert wird, werden auch Arbeiter entlassen, damit die Maschine sich bezahlt macht; oder der Absatz ausgeweitet, damit die freiwerden Arbeiter beschäftigt werden können. Es wird weltweit jedes Jahr um 3,3% rationalisiert. Deshalb müsste der Absatz auch um 3,3% ausgeweitet werden, sollte es nicht mehr Arbeitslose geben. Deshalb spricht der IWF auch bei einem Land von einer Schrumpfung, wenn das Wirtschaftswachstum unter 3,3% bleibt. Ein wirkliches Wirtschaftswachstum fängt demnach erst bei 3,3% an.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, wie der Absatzmarkt sich ausweiten kann, den inneren und den äußeren Markt.
Die innere Marktausweitung wird durch neue Massenwaren erreicht. Als nach dem 2. Weltkrieg die Arbeiter sich Kühlschrank und Waschmaschine zulegten, gab es soviel Beschäftigung, dass die Arbeiter sich auch das Auto anschaffen konnten. Mit der zusätzlichen Nachfrage konnte 1950 eine Zuwachsrate von fast 10% erreicht werden. Der Koreakrieg 1953 hat dann durch die zusätzliche Nachfrage in den vereinigten Staaten die Zuwachsrate auf 12,0 hochgetrieben, die dortige war mit der Waffenproduktion beschäftigt. Das brachte schon immer bessere Profite. Es ist also mit China nichts besonderes, wenn sie aus dem Nichts mit 10% Wachstum anfingen. So fing das weltweit bei allen an und China ist eben die letzte Nation, die kapitalisiert wurde.

Aber 2010 hat niemand mehr Geld für die weiteren Bedürfnisse. Es gibt ja schon bezahlbare und gute Elektroautos, aber sie werden kaum gekauft, weil niemand mehr Geld dafür hat.

Und viel ausschlaggebender ist, dass das Kapital nicht mehr investiert, da die Investitionen sich nicht mehr lohnen, wenn die Nachfrage ausbleibt. Als 2009 das Bruttoinlandprodukt um 5% einbrach, brach besonders der Maschinenbau nicht nur in Deutschland um 50% und die Investitionsgüterindustrie um 23% ein.

Karl Marx ging im „Kapital“ bei der Untersuchung der erweiterten Reproduktion aber davon aus, dass die Waren, die weltweit in der kapitalistischen Wirtschaft hergestellt werden, auch immer ihre Käufer finden werden. Bei der rechnerischen Darstellung (Tabelle 1) der erweiterten Reproduktion strebt die Tendenz der Profitrate gegen 20% (2. Band, Kapitel 21, S. 505), ganz im Widerspruch zu Kapitel 13 im 3. Band (Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate), wo die Profitrate gegen Null strebt, eine unglückliche Abstraktion.

Dies ist auch der Grund der Kritik an Rosa Luxemburg (dazu später) Ihr Biograph, Paul Frölich, schrieb: »Versc hiedene der Kritiker, und besonders Bucharin, glaubten, einen wirksamen Trumpf gegen Rosa Luxemburg auszuspielen, indem sie auf die gewaltigen Möglichkeiten der kapitalistischen Ausbreitung in den nichtkapitalistischen Raum hinwiesen.“ (Paul Frölich; "Rosa Luxemburg, Gedanke und Tat", Frankfurt 1967, S. 198)

Dass der Kapitalismus zu dieser Zeit noch lange halten wird, wurde von Luxemburg gar nicht bestritten, sondern sie geht nur von einem schnellen krampfartigen Ende aus, wenn das Ende kommen wird und außerdem dauert der Kapitalismus gemessen an einem Menschenleben zwar lange, aber  historisch ist er schon blitzschnell vorbei. Die reine wirtschaftliche Sklavenhaltergesellschaft dauerte von 500 vor unserer Zeitrechnung bis 1000 nach, 1.500 Jahre, der Feudalismus bis 1796. 800 Jahre und der Kapitalismus, na ja, geben wir ihn noch 10 Jahre, das wären dann 220 Jahre, historisch ein Augenzucken gegenüber der Existenz des Menschen seit 2,5 Millionen Jahre und auch der Existenz des modernen Menschens seit 200.000 Jahren, a blink of an eye.

Diese Diskussion hält heute noch an, wobei 2010 alle linken auch revolutionären Organisationen schon davon ausgehen, dass diese Krise zwar ganz tiefgehend sein wird, aber dass der Kapitalismus sich letztlich wieder fangen wird. Damit signalisieren sie aber leider allen Arbeitern, dass die Kürzungen nicht allzu tragisch seien, da es ja wieder aufwärts gehen wird und dann der Arbeiter auch wieder mit einem besseren Lohn rechnen könne.

Tragischer Irrtum. Denn diese Annahme stimmt aber nur für den aufsteigenden Kapitalismus. Im Abstieg werden die Konzerne, wie es 2009 sich eben bewiesen hat, ihre Investitionen zurückhalten und die Gewinne nicht wieder in den Wirtschaftskreislauf wieder zurückgeben, sondern im Paralelluniversum als Derivat oder CDS verschwinden lassen. Diese Wettgeschäfte gab es noch nicht zu Marx’ Zeiten, diese windigen Kapitalzockereien gab es rst nach dem 1. Weltkrieg und blähten ihren 36mal größeren Umfang erst nach 1980 auf.
Diese Investitionszurückhaltung wird erst recht mit den Wirtschaftseinbrüchen weiter gehen.
Europa- und weltweit wurde bei den Arbeitern bzw. den Konsumenten massenhaft gekürzt, das gibt doch einen Binnenmarkteinbruch sondergleichen Das kennen wir doch von 1929. Da gab es auch Kurzarbeitergeld und Kürzungen. Und das Ergebnis? Die Wirtschaft brach in 3 Jahren um 30% ein und letztlich wurde der Weltkrieg vom Zaun gebrochen, damit die Nachfrage nach Rüstungsgütern die Prosperität wiederbringen kann.

Rosa Luxemburg ging in ihrem Werk „Die Akkumulation des Kapitals) von 1913 schon von einer Grenze des Marktes aus. Paul Frölich führt das Zitat mit der Kritik von Bucharin weiter aus “Die Schöpferin der Akkumulationstheorie hat diesem Argument bereits die Spitze abgebrochen durch die wiederholte Betonung, der Kapitalismus müsse in Todeszuckungen geraten, längst bevor die ihm immanente Tendenz auf Erweiterung des Marktes auf die objektive Schranke gestoßen sei,« (Paul Frölich: "Rosa Luxemburg, Gedanke und Tat", Frankfurt 1967, S. 198).

Wie die Faktenlage jetzt schon belegt, sind die jetzigen wirtschaftlichen Krämpfe auch die Todeszuckungen des kapitalistischen Systems. Es verläuft doch alles bis jetzt genau wie 1929. Nach einem Finanzdesaster bricht die reale Wirtschaft erst um 5% ein, dann geht es erst leicht bergauf, man glaubt schon die Krise überwunden, aber durch die Kurzarbeit und Lohnkürzungen, europa- und weltweit, fehlt Binnenkaufkraft und die Wirtschaft wird erneut abstürzen usw. Dieser Verlauf wird an der Kurve von 1929 sehr deutlich gemacht.

Was aber diesmal anders sein wird als 1929 sind 5 wesentliche Dinge:

1. Die Zusammensetzung des Kapitals und damit auch die Profitrate als 2. Punkt sind eklatant an ihr Ende gekommen. Der Produktionsmittelsektor ist weltweit Anfang 2009 schneller gefallen und damit wurde der Point of no Return für den Kapitalismus als 3. Punkt überschritten.


Das Paralelluniversum mit Derivaten und CDS war 1929 erst am Anfang. 2010 aber betragen die Wettgeschäfte (angehäufte und nicht wieder investierte Kapitalgewinne) schon das 36fache als die reale Wirtschaft. Damit wird das Paralelluniversum bei dem nächsten Platzen und Freiwerden der wahnsinnigen buchhalterischen Geldbeträge jede Wirtschaft ersticken und in die Hyperinflation reißen.

4. Mit China wurden alle wesentlichen Märkte kapitalisiert. So, wie Afrika der billige Rohstofflieferant Europas im Kapitalismus ist, so sind auch das Bauernland von Indien und von China, die südasiatischen Staaten und Lateinamerika auch der Billiglieferant für die Metropolen, ohne denen diese gar nicht mehr Mehrprodukte produzieren könnten.

5. Erreicht der Zehnjahresdzurchschnitt des Wachstums de Bruttoinlandsproduktes die Nullmarke

Die Lohnabhängigen haben sich schon im Wesentlichen mit allen Gütern und Haushaltsgegenständen eingerichtet, so dass der Industriee nur noch die Ersatzgüterproduktion bleibt.

1929 konnte die Weltwirtschaft letztlich nur durch die Rüstungsproduktion und der Zerstörung von konstantem Kapital im 2. Weltkrieg wieder nur von neuem beginnen. Ein 3. Weltkrieg mit Atomraketen könnte zwar auch konstantes Kapital zerstören, aber ganz bestimmt nicht die Wirtschaft zu einem Neuanfang führen. Einen wirtschaftlichen Neuanfang rechnet die Geldelite sich vielleicht aus, wenn sie jetzt bis August mit der große Flotte, 6 Flugzeugträgern und 3 israelischen U-Booten im Persischen Golf die Muskeln spielen will.

Zum „Point of no Return“, haben wir schon unter dem 7. Punkt der 1. Runde etwas ausgeführt. Er wurde schon Anfang 2009 erreicht, als weltweit der Maschinenbau und die Investitionsgüterindustrie schneller fielen als die Löhne. Von nun an muss sich der Mensch weltweit mit weniger entwickelten Geräten zufrieden geben, z.B. weniger Elektronik im Auto. Die ursprüngliche Akkumulation des 19. Jahrhundert läuft nun rückwärts. Zum Schluss säße man wieder am Handwebstuhl, wenn wir weiter das Wirtschaften dem Kapital überlassen würden.

Es ist zwar ein tragischer Irrtum, wenn die Linken von einer vorübergehenden Krise sprechen und damit aber den Arbeitern signalisieren, dass ihre Löhne ruhig vorübergehend gekürzt werden können.

Nebenbei sei bemerkt, dass es den reinen Kapitalismus, die Produktion von Mehrwert, doch gar nicht mehr gibt, das ist schon die degenerierte Form, der Kasino-Kapitalismus.

Glücklicherweise machen die Arbeiter nicht einfach das, was die linken sagen, sondern das, was ihre Klassenlage ihnen aufdiktiert, deshalb gibt es schon in Griechenland einen Generalstreik (Γενική Απεργία 5 Μάη) nach dem anderen. Die internationalen Sozialisten in Griechenland schlagen ihren Kollegen schon den Vollstreik vor und weil die Klassenlage der Kollegen keine andere Alternative mehr ermöglicht, übernehmen immer mehr Kollegen diese Position.

Die Thesen zu den Grenzen des Marktes in Gänze entwickeln wir in dem Buch „Rosa Luxemburg, die Grenzen des Marktes und die Todeszuckungen des Kapitalismus“.

Mit dem Punkt 1 (Profitrate) und 2 (Grenzen des Marktes) legen wir hier die Thesen zusammengefasst vor und wollen jetzt die Faktenlage uns ansehen, ob die Thesen auch in der Realität sich durchsetzen werde. Bis Juli 2010 jedenfalls zeigen die Fakten das skizzierte Modell und wir sind überzeugt, dass diese Übereinstimmung bis zur sozialistischen Revolution von unten auch so bleiben wird.

Digitaler Wegweiser durch die Todeszuckungen des Kapitalismus und paralellen Arbeiteraufstände.

Norbert Nelte
Internationale Sozialisten

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