Wann werden die Arbeiter den elenden Kapitalismus stürzen?

Norbert Nelte - 06.03.2014 - Basisdemokratie

Diese Frage nachdem Zeitpunkt der Revolution hat seit Marx alle Linke beschäftigt und es gab kaum gleiche Antworten. Marx selber hatte eine baldige Revolution nach 1900 in Russland eingeschätzt, aber wäre sicher über den Ausgang sehr erschrocken. In Russland hatten zu recht viele Linke eine baldige Revolution nach 1900 erwartet, denn das  Großbürgertum war über die Großgrundbesitzer noch sehr mit dem Adel verschwistert und machte, als sie im Februar 1917 an die Macht gestoßen wurde, nur die Politik des Adels, wie die Fortführung des vom Standpunkt des Kapitals aus unwirtschaftlichen Krieges.

So musste kommen, was gekommen ist. Nach Lenins Tod betrug die Arbeiterklasse nur 2.5% der Bevölkerung, 80% waren Bauern, da konnte Stalin leicht seine schleichende Konterrevolution durchführen, die Arbeiterräte 1928 verbieten und stellvertretend für das internationale Großkapital die ursprüngliche Akkumulation durchführen.

Genau wie in Russland war auch die deutsche Bourgeoisie nicht willens, die bürgerliche Revolution wie in Frankreich durchzuführen. Sie überließ diese den Arbeitern und die jagten auch stellvertretend für sie den Kaiser in die Bedeutungslosigkeit und so übergab die übergroße Mehrheit der 3.000 Delegierten des Berliner Arbeiterrates am 10. November 1918 dem „Rat der Volksbeauftragten“ die Macht, bestehend aus drei rechten SPD'lern (Ebert, Scheidemann und Landsberg) und 3 USPD'lern, von  denen  Haase  und  Dittmann  zum  rechten  Flügel  gehörten.  Barth  war  da nur der  einzige  "linke" USPD'ler. (siehe Norbert  Nelte - Die Novemberrevolution ohne Führung, Köln,  S. 8)

Bei beiden Revolutionen waren die Produktivkräfte für den Sozialismus noch lange nicht reif. Der Kapitalismus stand am Anfang, nicht am Ende. Da hatte zumindestens die deutsche Arbeiterklasse einen besseren Instinkt als die meisten Linken.

Auch alle folgenden Revolutionen waren noch nicht reif für den Sozialismus: Ungarn 1919, Italien 1921 und Spanien 1936 standen alle am Anfang des Kapitalismus und die Arbeiterklasse stießen hier praktisch die Bourgeoisie nur an, endlich ihre Hausaufgaben zu machen (siehe Norbert Nelte – Geschichte und Logik der Arbeiterräte). Auch die Arbeiterklassen in den Revolutionen nach dem 2. Weltkrieg in Ungarn 1956, Portugal 1974 und Iran 1979 hätten bei Erfolg nichts anderes machen können, als die versäumten Produktivkraftentwicklungen der Bourgeoisie mit einem überharten Kraftaufwand nachholen können. Es wäre nicht gelungen, wenn sie wie 1917 in Russland auch Lenin erhoffte, Hilfe von einem weiter vorangeschrittenen Arbeiterstsaat erhalten hätten. Aber die Zeit war leider noch nicht reif.

Das heißt nicht, dass wir auf die ganzen Revolutionsversuche hätten verzichten sollen, nein, sie alle brachten uns alle wichtige Erkenntnisse und Erfahrungen für die kommenden Kämpfe. Es waren Friedrich Engels und Rosa Luxemburg, die darauf hinwiesen, dass die Wirtschaftssysteme erst ausgereift sein müssen, bevor sie gestürzt werden können.

1. Friedrich Engels:

»Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei widerfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif ist für die Herrschaft dieser Klasse, die er vertritt, und für die Durchführung der Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert ... Er findet sich notwendigerweise in einem unlösbaren Dilemma: was er tun kann, widerspricht seinem ganzen bisherigen Auftreten, seinen Prinzipien und den unmittelbaren Interessen seiner Partei, und was er tun soll, ist nicht durchzuführen. Er ist, mit einem Wort, gezwungen, nicht seine Partei, seine Klasse, sondern die Klasse zu vertreten, für deren Herrschaft die Bewegung gerade reif ist. Er muss im Interesse der Bewegung selbst die Interessen einer ihm fremden Klasse durchführen und seine eigene Klasse mit Phrasen und Versprechungen, mit der Beteuerung abfertigen, dass die Interessen jener fremden Klasse ihre eigenen sind. Wer in diese schiefe Stellung gerät, ist unrettbar verloren.«
(Friedrich Engels: "Der deutsche Bauernkrieg", MEW 7, Berlin 1960, S.400+401.

Die Bewegung wiederum kann nur entsprechend den Produktionskräften reif sein. Das, was Engels befürchtet hatte, bewahrheitete sich dann in Russland, nur statt des internationalen Großbürgertums trat das Kleinbürgertum im Gewand der Bürokratie auf.

2. Rosa Luxemburg wird noch klarer:

In ihrer Schrift „Sozialreform oder Revolution?“ äußert sie sich ganz unmissverständlich:
„Ohne Zusammenbruch des Kapitalismus ist die Expropriation der Kapitalistenklasse unmöglich“
(Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution, S. 42  Zweiter Teil 4. Der Zusammenbruch)

Sie zeigt aber auch in der Antikritik, dass dieser Reifungsgrad schon in der  Schlussphase  des  Kapitalismus, dem Imperialismus, nach der Verengung der Märkte ganz schnell kommen werde:
„Schon die Tendenz zu diesem Endziel  der  kapitalistischen  Entwicklung  äußert  sich  in  Formen,  die  die Schlussphase  des  Kapitalismus  zu  einer  Periode  der  Katastrophen  gestalten.“. (Rosa Luxemburg: „Antikritik”, S. 361) Sie sagt also, dass dieser Zusammenbuch schon vor dem rechnerischen Ende als mit Katastrophen kommt. Und dieses rechnerische Ende ist jetzt, wo nach Adam Riese die durchschnittliche Profitrate in der Produktion schon weit unter dem Finanzmarktzins gefallen ist.

Ihr Biograph Paul Fröhlich zitiert aus dem Gedächtnis ihre immer „wiederholte Betonung der Schlussphase“.

»Verschiedene der Kritiker, und besonders Bucharin, glaubten, einen wirksamen Trumpf gegen Rosa Luxemburg auszuspielen, indem sie auf die gewaltigen Möglichkeiten der kapitalistischen Ausbreitung in den nichtkapitalistischen Raum hinwies. Die Schöpferin der Akkumulationstheorie hat diesem Argument bereits die Spitze abgebrochen durch die wiederholte Betonung, der Kapitalismus müsse in Todeszuckungen geraten, längst bevor die ihm immanente Tendenz auf Erweiterung des Marktes auf die objektive Schranke gestoßen sei,«
(Paul Frölich: "Rosa Luxemburg, Gedanke und Tat", Frankfurt 1967, S. 198)

Marx dagegen spricht bei dem tendenziellen Fall der Profitrate im 3. Band des Kapitals von einem langsamen Einschlummern.

Der klassische Kapitalismus, wie ihn Marx beschreibt mit den Profiten in der Produktion  ist schon im letzten Jahrtausend verendet. 1995 stand die Profitrate in Deutschland in der Produktion nur noch bei 3,5%, viel niedriger als der Finanzmarktzinsatz. So erzielten die Konzerne ihre Gewinne schon zu 90% im Finanzmarkt. Finanzmarkt heißt, dass sie ihre Rendite heute hauptsächlich vom Steuerzahler oder von den Ersparnissen der alten Generation bekommen. Ab 2014 gehen die Banken sogar dazu über, andere gut gehende Betriebe falsch zu beraten, dann in die Pleite treiben um sie dann billig zu übernehmen.

Die Reife ist schon lange erreicht und der Kapitalismus beginnt bereits abzufaulen. Sein Kadaver stinkt schon penetrant.

Aber genau wie Luxemburg und Engels es voraus sahen, sind schon rechtzeitig gut 500 Betriebe in Selbstverwaltung erkämpft worden, davon alleine 300 in Argentinien. Marx zeigt, dass der Kampf für die Übernahme in Selbstverwaltung eines Betriebes der erste Schritt zum Sozialismus ist.

Die Betriebe in Argentinien wurden erkämpft nach den neoliberalen Experimenten ab 1976 des Diktators Jorge Rafael Videla und den bürgerlichen Demokraten Raúl Alfonsín und ab 1989 mit Carlos Menem. Als bei dem Präsidenten Fernando de la Rua der Lebensstandard aller Argentinier nur noch 50% des Standards vor 1976 betrug und er 2001 alle Bankkonten einfrieren ließ, hatten die Arbeiter nun genug und protestierten aufgebracht vor dem  Präsidentenpalast, so dass de la Rua mit dem Helikopter floh. 27 Demonstranten  wurden dabei brutal von der Polizei umgebracht.

Also, wir merken uns, 50% ist die magische Zahl und ein kleiner Funke drehen die Weltgeschichte für eine lange, lange Zeit weiter. Die Frage, wie viel Tote es dann geben wird, ist dann wie in Argentinien unbedeutend, denn mit weniger als 50% muss man sowieso verhungern, wir haben also nichts zu verlieren.
Sicher werden die Deutschen noch 40% ertragen, da sie ja von einem höheren Wert ausgehen. Bei Hitler bekamen die Lohnempfänger 55% vom Bruttosozialprodukt. Das stieg bis zu 80% in 1980. Also die 40% von den annehmbaren Zeiten entsprechen etwa den 40% des Bruttoinlandproduktes. Zurzeit stehen wir mit der Lohnquote bei 58%.

In Griechenland dürften die Kollegen bei den 57% zu den annehmbaren Zeiten liegen. Wenn jetzt, wie von vielen Finanzanalysten eingeschätzt, dieses Jahr eine schlimmere Krise als die Lehman-Pleite ausbricht, werden die 5 selbstverwalteten Betriebe auf das Vielfache explodieren.

Die 500 selbstverwalteten Betriebe sind ein guter Kern für die kommenden akuten Krisen und die kommenden Auseinandersetzungen. Wir müssen bedenken, die Bolschewiki hatten in Leningrad, dem Zentrum der Revolution, nach Alexandra Kollontai 1912 nur „4 Mitglieder und eine Frau“. 5 Jahre später hatten sie die Welt auf den Kopf gestellt. Nur, in Russland gab es nur 2,5% Arbeiter, da konnte Stalin leicht seine politische und soziale Konterrevolution durchführen und 1928 die von Lenin ins Zentrum der Revolution gestellten Arbeiterräte wieder abschaffen.

Da sind die 500 Betriebe ohne Boss als Kern für den Anfang schon eine ganze Menge, und zwar 300 in Argentinien (Zusammengeschlossen in Betriebe ohne Boss), 130 in Brasilien, 20 in Uruguay, ca. 20 in den USA (alle zusammengeschlossen im Network of Bay Area Worker Cooperatives NoBAWC, darunter übrigens auch ein selbstverwaltetes Striplokal), 5 in Griechenland, 5 in Spanien, jeweils einen in Mexiko und Italien und eine unbekannte Anzahl in Bolivien und verschiedenen Ländern.
Alle Kontinente sind wirtschaftlich am Ende. Nur die wichtigsten Meldungen der letzten Tage:

Düstere Aussichten für die russische Wirtschaft - Eurozone: Exporte brechen ein  - Frankreich und Italien am Abgrund - Der Motor stottert: Japans Wirtschaft enttäuscht - Fitch-Analystin: "Chinas Finanzmarkt ist zum Crash verurteilt"Brasilien im freien Fall - Inflation in Argentinien erreicht 25 Prozent - Puerto Rico droht die Staatspleite - Kanada: Krise mit Verzögerung - Türkisches Handelsdefizit explodiert - Krise der Schwellenländer: Crash-Gefahr: Südafrikas Rand stürzt ab - Südafrika am Boden - Die USA sind Weltmeister im Statistikfälschen und Deutschland ist Vizeweltmeister.

Hier nur zwei Zahlen, die die Sprüche von der brummenden Wirtschaft als Lügen enttarnen: 1. Seit 1990 ist die Beschäftigung in Stunden von 100% auf 96% gefallen Kaum noch Beschäftigungsaufbau im produzierenden Gewerbe und 2. Die Ausrüstungsinvestitionen sind im Dezember um 0,8% gefallen. Und schon geht’s los: Manipulieren mit Zahlen – wie das Statistische Bundesamt die wirkliche Lage entstellt und die deutschen Medien die Propagandamaschine auf höchste Touren jagen - Maschinenbauer steuern in die Krise - Deutsche Industrie erhält weniger Aufträge - Druckmaschinen: Eine Branche schwer unter Druck - Arbeiter sollen billiger arbeiten, Kölner Ford-Werk droht Verlagerung nach Rumänien. Hapag-Lloyd ist nur zu 20% ausgelastet, nur 1/5 der Schiffe sind in Betrieb. Na ja, die Abgeordneten haben sich noch rechtzeitig 10% Nachschlag gegeben, dann werden sie wohl mehr haben als die Inflation ihnen wieder wegnimmt.

Wir sehen, die Revolution wird jetzt zwangsläufig kommen, das kann niemand mehr verhindern, kein General und kein Naziführer. Wenn in diesem oder dem nächstem Jahr die nächste Krise wieder akut wird, wird sie viel schlimmer als die Lehmankrise 2008, ich weiß nicht, ob zuerst die Schuldenkrise oder die Bankenkrise oder die Immokrise oder die Inflation oder die faule Kredit-Blasen oder die Schiffkrisen oder alle Überkapazitäten oder die Kartenhäuser der Statistiklügen oder was auch immer, sie werden wie die Dominosteine die erste Krise die nächste und wieder die nächste usw. in Gang setzen und überhaupt nicht mehre aufhören. Die Regierungen schauen sie erstarrt auf die Schlange. Sie werden ein Rettungsprogramm nach dem anderen auflegen, aber es wird kein Halten mehr geben.

Die Vernetzungen der selbstverwalteten Betriebe kontrollieren heute schon die Preise und die Mieten. Die haben in Argentinien immerhin schon eine offizielle Inflation von 40%. In Spanien haben unter dem Druck der Mieterkomitees PAH auch 2 linke Landesregierungen die Banken verstaatlicht, die zwangsräumen wollten. Der  Staat hat in Mexiko in Oaxaca, Michoacán und Guerrero, in drei Staaten nicht mehr die Polizeigewalt, sondern die Bürgermiliz „Policia Comunitaria“ die die Lehrer bei ihrem Streik unterstützt und gegen die Paramilitärs des Staates kämpft.

Für die Zweifler an der Selbsttätigkeit der Lohnabhängigen sei gesagt, alles, was hier steht, sind Fakten, darüber können wir nicht mehr diskutieren, das läuft schon.
Die Kollegen werden immer mehr merken, dass die oben sind und in der Tat kein Geld mehr haben. Ratlos werden die Herrschaften oben in vielen Ländern sich die letzten Kröten unter den Nagel reißen und auf die Bahamas fliehen. Jetzt sind schon in 2 Wochen 4 Banker in den Tod gesprungen und es hat noch nicht mal richtig angefangen. Die wissen, was auf sie zukommt.´

Bei allen Betrieben, die geschlossen, zerstückelt oder verlegt werden sollen, werden die Lohnabhängigen sich die selbstverwalteten Betriebe als Vorbild nehmen, besetzen, die Maschinenauslagerung verhindern, hier und da werden Manager in Gewahrsam genommen und die Ausplauderung von Betriebsgeheimnisse von ihnen verlangt.

Die Vernetzungen der Betriebe ohne Boss werden bei dem nächsten Zusammenbruch so einen massiven Zulauf bekommen, dass deren Sprecherräte in den ersten Ländern die bürgerlichen Regierungen unter Druck setzen können und in eins, zwei Jahren danach eine Doppelherrschaft zu ihnen aufbauen. Die bürgerlichen Regierungen werden die Krise nicht mehr stoppen können, weil

  1. Die Zusammensetzung des Kapitals an seinen Höhepunkt angekommen ist an dem jede weitere Einsparung von einem Euro zuviel an Entwicklungskosten bedürfen, so dass eine Amortisierung von in den 70ern üblichen 3 Jahren lange nicht mehr erreicht werden.
  2. Entsprechend ist die durchschnittliche Profitrate in der Produktion der alten Industrieländer schon weit unter dem Finanzmarktzinssatz gefallen, so dass sich die Produktion sich nicht mehr lohnt, eher Spekulationspapiere der Nahrungsmittel.
  3. Die internationalen Märkte sind schon derartig verengt, so, dass China schon mehr an den bisherigen Imperialisten exportiert als umgekehrt. Die USA schickt nur noch Altpapier und Schrott nach China.

Nun sind die Kapitalinvestitionen auf der ganzen Welt so weit gesunken, dass alle Länder vor dem Zusammenbruch ihrer Industrien stehen. In Argentinien haben die Betriebe ohne Boss schon 3 Vertreter im bürgerlichen Parlament sitzen. Wenn das explodiert, werden sie leicht eine verfassungsgebende 2/3-Mehrheit bekommen. Die harten Kapitalisten wollen dabei nicht kapitulieren und gegen eine verfassungsgebenden 2/3-Mehrheit, die ihre Enteignung beschließen würde, mit Gewalt vorgehen wollen. Nur, sie werden in den meisten Ländern keine Soldaten dafür mehr kriegen, weil sie jetzt die Gewalttäter sind, vielleicht noch in den Vereinigten Staaten geben sich Soldaten dafür her?

Damit ist auch automatisch schon eine gleichgewichtige Weltwirtschaft vorprogrammiert, denn die selbstverwalteten Betriebe fordern heute schon, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, international. Die wirtschaftlichen Probleme wären damit auch gelöst und ohne Profit wird die Wirtschaft endlich für den Menschen da sein. Also, in einigen Jahren wird es schon losgehen.

Brecht dem Kapital die Gräten, Alle Macht den Räten!

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