Norbert Nelte: Geschichte und Logik der Arbeiterräte

Norbert Nelte - 04.06.2015 - Basisdemokratie

In diesem Jahr 2015 läuft die Weltwirtschaft auf den 2. Supercrash nach dem von 2008 zu. Der Wirtschaftsindex läuft zumindest in Deutschland scheinbar noch ausgezeichnet, während der Transportindex 10% bzw. auch der Baltic Dry Index weit zurück liegen (Baltic Dry: Container-Branche erwartet weltweite Rezession).

Das heißt, dass die Konzerne voll auf das Lager, auf Halde produzieren. Nach Dirk Müller, Mr. Dax liegen in den USA schon 1,3 Monat­sum­sätze auf Lager, auch in Japan, China und Südkorea das Gleiche.

Maschinenbau: Russland-Krise hinterlässt immer tiefere Spuren, Minus 10%, das ist nicht nur Russland. Weltweit klettern die Zinsen für die Staatsanleihen hoch. Griechenland steht 2 Wochen vor der Staatspleite oder Europa steht vor der kollektiven Schuldenunion, freigegeben zum Abschuss für die Spekulanten.

Alle weltweiten Blasen werden dann platzen und ein viel größeres Loch in der Weltwirtschaft als das von 2008 mit -5% wird entstehen, von dem sich kein Land mehr wie jetzt schon Griechenland wird erholen können. Noch in diesem Jahr wird jedem vorgeführt, dass der Kapitalismus mit seiner Konkurrenzproduktion nicht mehr machbar ist und sein elendiges Dasein in der 2020-Dekade weltweit aushauchen wird, angefangen mit Südamerika.
Rechtzeitig ist dort schon der stabile Kern der selbtsverwalteten Betriebe entstanden, die 470 Betriebe ohne Boss mit der Koordination um Roúl Godoy von der trotzkistischen PTS. Für Karl Marx war das der erste Schritt zum Sozialismus, die Schule des Kommunismus.

Ich rede von der Gegenwart, der Kern der selbtsverwalteten Betriebe ist schon entstanden, weitestgehend auch schon legalisiert. 3 Abgeordnete, die hinter ihnen stehen, wurden bereits mit 1.200.000 Wählerstimmen und 5% für das Bündnis aus 2 trotzkistischen und einer zentristischen Organisation in das Parlament von Buenos Aires gewählt.
Im Buch wird das Entstehen der insgesamt weltweit 500 selbstverwalteten Betriebe in 10 Ländern und die Geschichte der Arbeiterräte der Welt seit der Pariser Kommune beschrieben. Die Arbeiterräte haben sich immer in revolutionären Situationen aus solchen Koordinationen entwickelt. Sie übernehmen immer mehr staatliche Aufgaben wie Preis- und Mietenkontrollen bis hin zu Polizeiaufgaben wie die der „Bürgermiliz Communitaria“ in Mexiko, die die Lehrer bei ihrem Streik hilft und auch gegen die Mafia.
Bei der nächsten Superkrise höchstwahrscheinlich noch in diesem Jahr wird die Bewegung aus den 450 selstverwalteten Betrieben in Südamerika (300 in Argentinien/130 in Brasilien/ 20 in Uruguay und ca. 20 in Bolivien) explodieren. Die Genossen dort werden mit Tausenden rechnen müssen.

Mit der Größe werden die Koordinationssprecherräte, dann umbenannt in Arbeiterräte, eine Doppelherrschaft herausbilden, wie dies Trotzki für die Arbeiterräte in Russland (Sowjets) zwischen der bürgerlichen Februarrevolution und der revolutionären Oktoberrevolution feststellte. Wenn der Kapitalismus mit seiner Konkurrenzproduktion und der fehlenden Profitrate in der Produktion überhaupt nicht mehr weiter weiß, werden die ersten Arbeiterräte die ganze Macht übernehmen. Damit rechne ich in Südamerika noch Ende dieses Jahrzehnts. Alle Länder dort werden sich wie 1922 Russland mit 16 Ländern zur Sowjetunion in Südamerika zu einer Union zusammenschließen, z.B. Union FasinPat. Das ist der neue Name der Kachelfabrik Zanon, Fabrique sine Patron, ohne Boss.

Die südeuropäischen Länder und Frankreich werden sehr schnell folgen und das Land wird sich über die Kontinente hinaus ausweiten. Der Kapitalismus braucht hur die Grenzen, um die Arbeiterheere zu steuern, wir ArbeiterInnen brauchen die nicht, Du?
Wir alle haben einen Traum, eine Welt ohne Grenzen und Chefs, ohne Kriege und mit gleichem Lohn für gleiche Arbeit, ohne Hunger. Jeder ist ausgeglichen, kulturvoll und geschmeidig, nicht mehr vom Kapitalismus verbildet explodiert sein Wissen förmlich. Ein Land ohne Stiefel im Gesicht, wo jeder selbstbewusst ist und niemand über den anderen steht und wo jeder ganz basisdemokratisch mitentscheiden kann.

Genossinnen und Genossen, diese Welt ist jetzt vor unseren Augen am Entstehen. Dank Internet können wir Raúl bei seinen Reden beobachten, manchmal im Stadion, manchmal wird er gefeiert wie ein Rockstar. Die meisten von uns werden die „Oktoberrevolution“ noch miterleben, wie die Menschheit die Vorgeschichte der Menschheit abschüttelt und ihre eigene Geschichte machen wird. Der Kapitalismus ist schon so insolvent, dass es langt, wenn sie mit Hunderttausenden gemeinsam über die Avenida Corrientes durch Buenos Aires wie 1989 in Leipzig spazieren.

Stopp, halt, rufen manche, da kommen bestimmt noch irgendwelche Stalins und werden diesen  ganzen Spuk noch wie Stalin nach Lenins Tod 1924 beenden. Das war’s dann und die Träume bleiben unerfüllbare Träume. Aber 1924 gab es in Russland nur noch 2% desolate Arbeiter gegenüber 80% Bauern, wie heute in Afghanistan, ohne Arbeiter kann man keine Arbeiterdemokratie aufbauen und Stalin konnte leicht nach Lenins Tod 1924 seine schleichende Konterrevolution durchführen und 1928 die Arbeiterräte wieder auflösen die Lenin 1924 in das Zentrum der Revolution gesetzt hatte, um die er die ganze revolutionäre Gesellschaft gruppierte. Unter Stalin entstand eine Sowjetunion ohne Sowjets.

1917 in Russland oder 1918 in Deutschland stand der Kapitalismus am Anfang. Aber es kann nur eine Revolution durchgeführt werden, wenn das alte System erst sich zur vollen Reife entwickelt hat, am Ende des Kapitalismus. In diesem Punkt bin ich Luxemburgist. Sie schreibt in der Antikritik, S 301

„Der Imperialismus ist ebensosehr eine geschichtliche Methode der Existenzverlängerung des Kapitals, wie das sicherste Mittel, dessen Existenz auf kürzestem Wege objektiv ein Ziel zu setzen. Damit ist nicht gesagt, dass dieser Endpunkt pedantisch erreicht werden muss. Schon die Tendenz zu diesem Endziel der kapitalistischen Entwicklung äußert sich in Formen, die die Schlussphase des Kapitalismus zu einer Periode der Katastrophen gestalten.“.

In ihrer Schrift „Sozialreform oder Revolution?“ äußert sie sich ganz unmissverständlich:
„Ohne Zusammenbruch des Kapitalismus ist die Expropriation der Kapitalistenklasse unmöglich“
Sie steht nicht alleine. . Friedrich Engels schreibt:

»Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei widerfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif ist für die Herrschaft dieser Klasse, die er vertritt, und für die Durchführung der Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert ... Er findet sich notwendigerweise in einem unlösbaren Dilemma: was er tun kann, widerspricht seinem ganzen bisherigen Auftreten, seinen Prinzipien und den unmittelbaren Interessen seiner Partei, und was er tun soll, ist nicht durchzuführen. Er ist, mit einem Wort, gezwungen, nicht seine Partei, seine Klasse, sondern die Klasse zu vertreten, für deren Herrschaft die Bewegung gerade reif ist. Er muss im Interesse der Bewegung selbst die Interessen einer ihm fremden Klasse durchführen und seine eigene Klasse mit Phrasen und Versprechungen, mit der Beteuerung abfertigen, dass die Interessen jener fremden Klasse ihre eigenen sind. Wer in diese schiefe Stellung gerät, ist unrettbar verloren.«“

Friedrich Engels: "Der deutsche Bauernkrieg", MEW 7, Berlin 1960, S. 400.
Dies beschreibt die russische Situation genauer. Wir stehen aber am Ende des Kapitalismus, die Zusammensetzung des Kapitals hat schon ihren Höhepunkt erreicht und die Arbeiterklasse beträgt in Europa und Nordamerika heute 85%, in Lateinamerika und Asien auch schon annähernd.
In dem Buch wird dieser Gesichtspunkt herausgegriffen, dass alle Revolutionsversuche bis 2000 unternommen wurden, weil eigentlich die lokale Bourgeoisie ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatte, das Land kräftig zu entwickeln, was ja der Anspruch des Kapitalismus eigentlich ist.

Dies betrifft die Pariser Kommune 1871, Die russische Revolution 1905 und den Oktober 1917, Deutschland 1918/9, Ungarn 1919, Italien 1919/20 Spanien 1936, Ungarn 1936, Portugal 1974 und Iran 1979. Wenn auch Revolutionäre die gewonnen hätten, hätten sie erst einmal nichts anderes machen können als die unterlassen Aufgaben der Bourgeoisie nachzuholen.

Damit will ich nicht sagen, dass wir die Revolutionsversuche hätten unterlassen sollen. Nein Lenin wusste auch, dass er die Revolution isoliert in Russland hätte nicht durchführen können und er hoffte deshalb immer auf die Unterstützung Westeuropas, speziell Deutschland, Er verstand die russische Revolution deshalb nur als Initialzünder. Dadurch hat die Bewegung aber unwahrscheinlich viel Erfahrung gewonnen, mit der jetzt die Genossen in Südamerika arbeiten können. So hätten auch alle Revolutionsversuche verstanden werden können, als Initialzünder für mehr vorangeschrittene Staaten und Erfahrungssammlung
Erfahrungen haben die Genossen bei Zanon auch schon gute gesammelt. In „Fragen des Alltagsleben“ meint Trotzki, dass wir auch von der katholischen Kirche etwas lernen können, und zwar, wie sie auch mit ihren Liedern die emotionale Seite der Menschen anspricht. Das haben Ton Steine Scherben und Brecht/Weill und viele andere schon perfekt gemacht, aber für die Überwindung der ängstlichen Kollegen vor den Augen des Bosses mit den Revolutionären zu reden, veranstalteten die Genossen bei Zanon ein Fußballturnier der Abteilungen, da konnten sie ungestört mit allen den ganzen Sonntag diskutieren. Klar, wir befinden uns in Argentinien.

Die betrieblichen basisdemokratischen Gesetzmäßigkeiten eines Streik- oder Sprecherrates werden sich wie selbständig auch auf den Arbeiterrat übertragen. Diese sind

  1.   Imperatives Mandat, an die Beschlüsse der Basis gebunden.
  2. Jederzeitige Abwählbarkeit
  3. Nur Facharbeiterlohn

Wir sehen, jeder kann da auch mitentscheiden. Das dauert dann zwar länger, aber keine Konkurrenz drängelt uns auch. Selbstverständlich haben auch alle anderen Gruppen ihren Vertreter im Arbeiterrat sitzen, nur die Kapitalisten nicht, wenn sie nicht arbeiten. Wenn sie aber arbeiten z.B. als Arbeitsvorbereiter oder Einkäufer, freuen wir uns, wenn er sein Fachwissen mit einbringt und dann kann er auch beim Arbeiterrat mitwählen.

Eines ist doch klar. Die Banken haben immer der Firma die Maschinen vorgelegt. Sie wurden abbezahlt mit der Wertschöpfung der Arbeiter, mit dem, was die Arbeiter erwirtschaftet haben. Also gehören sie auch den Kollegen. Aber die Kapitalisten kriegen wie selbstverständlich das Geld gutgeschrieben. Das verstehe, wer will. Da ist das bürgerliche Gesetz vollkommen ungerecht, das praktisch die Arbeiterklasse enteignet, aber das wird bald vorbei sein.

Das System der Arbeiterräte ist nicht nur vollkommen demokratisch, sondern hier kann man auch wirtschaften ohne Ungleichgewichte. Überall in allen selbstverwalteten Betrieben wird von den Kollegen gefordert, dass gleicher Lohn bezahlt wird, mindestens gleicher Lohn für gleiche Arbeit, weltweit. Um die Voraussetzungen dafür zu schaffen werden in allen Gebieten der Arbeiterunion gleiche Voraussetzungen geschaffen. Es entsteht dann eine Wirtschaft ohne Wirtschaftszyklen, ohne auf und abs, ohne Schwankungen im totalen Gleichgewicht.

Jetzt soll mir noch ein Sozialdarwinist verklickern, der glaubt, weil der Mensch seine Aggressivität vom Tierreich geerbt hat, würde er Kriege machen, warum Gebiet 42 gegen 68 unbedingt einen Krieg machen muss. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch sein Gehirn, und das wird scheinbar im Arbeiterstaat das erste Mal eingesetzt.

Rechtzeitig vor dem Supercrash ist nicht nur der Kern der selbstverwalteten Betriebe erkämpft worden, sondern auch dieses Buch herausgegeben worden, dass uns wie eine Landkarte als Wegweiser von der Vorgeschichte in die Geschichte der Menschheit dienen kann.

Norbert Nelte: Geschichte und Logik der Arbeiterräte
145 Seiten – 15 €uro – E-Book: 2 €uro – In jedem Buchhandel und Internetbuchhandel.

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