Karl Retzlaw: „Spartacus“,  „1923 war die Entscheidung für Hitler schon gefallen"

Norbert Nelte - 26.10.17 - Basisdemokratie

Das  Buch ist zwar eine Autobiographie, aber Karl Retzlaw hat von 1896 bis 1979 so viel wie 10 Leute erlebt und immer an politisch spannenden und brisanten Stellen, dass jeder politische Mensch, egal welcher Couleur, von dem Buch eine Menge lernen kann. Auch kann man die Zeit viel besser verstehen und einordnen, als in den gängigen Geschichtsbüchern.

Das 3. Reich war kein Unfall, sondern da haben alle inklusiv der Sozialdemokratie, seit dem 1, Weltkrieg darauf hingearbeitet. Der größte Teil der Bevölkerung waren auch, halb verführt, mit dem Ausgang des 1. Weltkrieges nicht einverstanden. „Hitler fand alles fertig vor“ heißt der letzte Absatz bei Retzlaw. Die Weimarer Republik ist auch nicht mit der, bürgerlichen „Demokratie“ von heute zu vergleichen, sondern gleicht eher einer südamerikanischen Militärdiktatur, bei der das Militär dermaßen herrscht, so, als würde ihr das Volk gehören und das muss schon artig sein.

Es verging kaum eine Demonstration, bei der nicht Demonstranten erschossen wurden. Das fing gleich 1919 mit den Morden an Rosa Luxemburg, Leo Jogiches und Karl Liebknecht an und ging bis zur Machtübergabe an Hitler. Von Anfang an hat die SPD den Nazi-Militärs wie die Freikorps, Stahlhelm oder Thule-Bund freies Schussfeld gegeben; die ständig Feme-Morde vollzogen. Sie schossen auch in die Passanten oder in die Fenster. Alle Arbeiter waren für die Arbeiterschweine, nicht nur die Kommunisten.

Die Hälfte seines Lebens in der Weimarer Republik saß Karl Retzlaw im Gefängnis und hat nichts gewalttätiges getan außer, dass er einmal als „Volkskommissar“ für Inneres in München 10 Tage war und die Eierdiebe, die Politischen und die Unschuldigen nach Hause geschickt hatte.

Retzlaw berichtet von einer Diskussion mit Trotzki in Paris: „Ich stimmte Trotzki in seinen Feststellungen, dass im Jahre 1923 in Deutschland die Entscheidung für die Entwicklung zum Nazismus gefallen war, zu, nicht aber darin, dass ein Sieg der Revolution im Herbst 1923 möglich gewesen war.“

Nun, da muss ich nachträglich Retzlaw ganz klar Recht geben. Schließlich war das erst der Anfang des Kapitalismus, die KPD hatte bei ihrer Gründung nur 2.000 Mitglieder gegen 1 Million SPDler. Die Bourgeoisie führte keinen Krieg mehr im Gegensatz zur russischen, die Arbeiter hatten mit dem Kapitalismus noch keinerlei Erfahrungen. Die KPD war von den unzähligen Arbeiterräten geblendet und hatte waghalsige Abenteueraktionen wie die Schießereien im Berliner Druckerbezirk 1919 oder  die Märzaktion 1923 unternommen.

Dabei schrieb Rosa Luxemburg ganz deutlich »Der Spartakusbund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Massen in ganz Deutschland, nie anders als Kraft ihrer bewussten Zustimmung zu den Ansichten, Zielen und Kampfmethoden des Spartakusbundes.«'

Naja, die Ungeduld ist bei einigen KPDlern durchgegangen, sie waren noch zu unerfahren.
Das Ergebnis beschreibtRetzlaw: „Die Regierung der Volksbeauftragten hatte für Auflösung der Arbeiter- und Soldatenräte entschieden. Die Mehrheit des Reichskongresses der Arbeiter- und Soldatenräte stimmte diesem Beschluss zu. Sie waren durchaus nicht alle Revolutionäre.“

 „Vom 16. - 21 Dezember wurde auf dem ersten Rätekongress in Berlin die Frage nach der Staatsform diskutiert (298 Delegierte = SPD, 101 = USPD, 25 = Demokraten - Liberale). Die SPD setzte sich mit ihrer Vorstellung durch, die Entscheidungen der am 19. Januar   1919   zu   wählenden verfassungsgebenden Nationalversammlung zu übertragen (344 dafür, 98 dagegen).“ Norbert Nelte: "Novemberrevolution ohne Führung"

und nach Friedrich Engels muss derjenige, der an der Macht ist, wenn die Zeiten noch gar nicht reif sind für seine Klasse die er vertritt „im Interesse der Bewegung selbst die Interessen einer ihm fremden Klasse durchführen und seine eigene Klasse mit Phrasen und Versprechungen, mit der Beteuerung abfertigen, dass die Interessen jener fremden Klasse ihre eigenen sind..« Friedrich Engels: "Der deutsche Bauernkrieg", MEW 7, Berlin 1960, S. 400. Er muss also die Klasse  vertreten, deren Interessen historisch in dieser ökonomischen Entwicklungsstufe auch sich entfaltet werden.

Und auch Rosa Luxemburg: „Ohne Zusammenbruch des Kapitalismus ist die Expropriation der Kapitalistenklasse unmöglich“ Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution, S. 42

Der Irrtum von Lenin und Trotzki, doch überall am Anfang des Kapitalismus eine sozialistische Revolution machen zu können, hatte sie zu der illusionären Hoffnung geführt, dass ein sozialistisches Deutschland das unentwickelte Russland von 1917 auch helfen könne. Nur, ein sozialistisches Deutschland wäre bis 1980 gar nicht möglich gewesen. Erst ab 1980 wuchs nicht mehr im Durchschnitt die Kaufkraft der Arbeiterlöhne und die historische Mission der Bourgeoisie war damit beendet.

Trotzki musste ja Retzlaw in dieser Frage unrecht geben, sonst hätte er selber sein eigenes Lebenswerk zerstört. Er musste seinen Irrtum mit seiner Hinrichtung bezahlen.

Immerhin haben wir dem Irrtum von Lenin und Trotzki es zu verdanken, dass wir großartige Werke der Taktik der marxistischen Literatur erhalten haben.

Karl Retzlaw ist in Schneidmühl (https://de.wikipedia.org/wiki/Pila_u_Karlov%C3%BDch_Var) bei Bromberg (richtig: Pila bei Bydgoszcz) im von Deutschland besetzten Teil von Polen geboren. Er berichtet, dass Deutschland diese seit 1025 polnischen Gebiete mit der Oder/Neiße Grenze für immer eindeutschen wollten, obwohl sich dort im frühen Mittelalter im Zuge der Völkerwanderung Stämme der westlichen Polanen (wiki) angesiedelt hatten, dass „Die Behörden es am ärgerlichsten fanden, dass in Schneidmühl und Umgebung noch viel Polnisch gesprochen wurde.“ (Retzlaw)

Obwohl das Polen war, durften die Polen kein Polnisch sprechen, das ist schon sehr überheblich, da bleibt Dir die Spucke weg „Die tatkräftigste Stütze der Verwaltungsbehörden in der Agitation gegen die Polen waren die evangelischen Lehrer und Pfarrer… Die Lehrer hatten ihre Spitzel unter den Schülern, die auf polnische Laute zu horchen hatten. Die Spitzel gingen in den Pausen paarweise auf dem Schulhof und stürzten sich auf Schüler, die miteinander kaschubisch-polnisch sprachen und führten sie zum Lehrer. Nach der Pause, in den Klassenräumen, wurden die ertappten Schüler je nach Methode des Lehrers von anderen Schülern auf der Bank festgehalten, oder der Lehrer hielt den Kopf des Schülers zwischen den Beinen und prügelte drauflos… Nicht nur aus diesem Anlass wurde geschlagen sondern aus Prinzip und Neigung.“ schreibt Retzlaw

So erzieht man Untertanen., nicht nur, dass die Lehrer dem Menschen die solidarische Natur austreiben und das Konkurrenzverhalten dem Schüler eintrichtern sollen, sondern sie sollen auch noch einprügeln, wer hier Herr im Hause ist. Da gehört eine gute Portion brutaler Frechheit und kriminelle Energie dazu.

Ich selber bin auch polnischer Abstammung in der 2. Generation. Mein Vater ist in Hohensalza bei Posen oder Bromberg (richtig: Inowroclaw, bei Poznan oder auch Nähe Bydgoszcz, wie Pila) geboren. Da ist ein Gradierwerk, deshalb salza. Mein Vater hat tatsächlich geglaubt, das wäre Deutschland und er sei ein Deutscher gewesen. Dabei gab es auch damals schon weltweit die Gebietsstaatsbürgerschaft, nur die Deutschen hatten cine Blutstaatsbürgerschaft. Erst 1990 wurde endlich auch die Gebietsstaatsbürgerschaft eingeführt. Ich traf öfters Leute, die glaubten, das war Deutschland und die Polen waren immer so frech, hört man oft. Klar die Deutschen haben sich in ihrem Land breitgemacht und sich als Herrn aufgespielt und den Polen alle Rechte genommen. Beispielsweise war mein Urgroßvater in Inowroclaw Bürgermeister und Weingroßhändler, die Elite und Großgrundbesitzer waren nur die Deutschen. Mit Geschichte aber hatten die Deutschen dort nichts zu tun, fast alles Ignoranten.

Und die Pfaffen müssen natürlich auch dabei sein, Retzlaw erinnert sich: „Stöcker habe großen Einfluss auf den Kaiser gehabt und er wollte gern als der neue Luther gelten und wie Luther wollte er ein "Landsknecht Gottes" sein. Stöcker habe in seinen Predigten Luthers grausame Äußerungen über die Juden zitiert. Wenn Du einem Juden begegnest so mache ein Kreuz und sage "dies ist der Teufel", und wenn ein Jude getauft sein will, so nehme man ihn zur Elbebrücke, hänge ihm einen Stein um den Hals und stoße ihn hinunter mit den Worten: "ich taufe dich im Namen Abrahams"

"Seid untertan der Obrigkeit" war in Schneidmühl ungeschriebenes Gesetz. Hass gegen Juden und Polen wurde den Massen von Kind an eingeprügelt. Da ist es dann kein Wunder, dass der Schreihals dann für seine Verbrecherpolitik so viele Anhänger fand: Hitler wurde schon ab Bismarck vorbereitet. Warum musste der den deutschen Kaiser Wilhelm auch ausgerechnet im heiligsten Heiligtum der Franzosen krönen lassen, dem Spiegelsaal von Versailles, die Antwort waren die Versailler Verträge, die schnurstracks zu Hitler geführt haben.
Karl Retzlaw war so arm, da mussten sie als Kinder immer Barfuß gehen. Die Mutter fand in Pila keine Arbeit, so entschloss die Mutter sich, nach Berlin umzuziehen. Hier fand sie Arbeit und Karl konnte gleich noch als Schüler dazu verdienen.

h aber lehrte das Leben früh erkennen, dass alles, was den Menschen geschieht, durch den Menschen geschieht“ So hatte Retzlaw schon sehr früh ein gesundes Verhältnis zur Religion und zur Obrigkeit entwickeln können. So fand er noch vor dem Ausbruch des 1, Weltkrieges 1914 in Berlin den sozialdemokratischen Jugendtreff: Der ganze Jugendtreff schloss sich 1916 dem Spartacusbund und damit 1919 der KPD an.  Dort wurde er mit allen wichtigen bekannten KPDlern bekannt und führte für sie dann die organisatorischen Stabsarbeiten durch, beispielweise organisierte er den illegalen Apparat der KPD, eine Art Security. So lernte er bei seinen Russland Reisen viele Größen kennen, nicht zuletzt Trotzki, mit dem er auch im Exil zusammenkam.

Eigentlich fuhr er nur nach München, um vor seinen Häschern zu flüchten. Aber, für so einen Kämpfer gibt es keine Pause. Dort wurde er dann Volkskommissar des Innern für 10 Tage.

In der Münchner Räterepublik 1919 war er Polizeidirektor bzw. Volkskommissar des Inneren und sorgte dafür, dass die Politischen, Unschuldigen und Eierdiebe aus dem Gefängnis entlassen werden und dass die Polizei nicht destruktiv bei den Kämpfen der Arbeiterklasse gegen die Freikorps gegen die Arbeiter eingriff. In München gab es keine sozialistische Revolution, sondern nachdem König Ludwig III fortgejagt wurde, konnten die bürgerliche SPD und USPD keine stabile Regierung aufbauen und viele Arbeiterräte bis zu Ernst Toller von der USPD hatten die KPD gebeten, die Regierung in München, Ulm, Augsburg und Nürnberg zu übernehmen. Also nur ein kapitalistischer Umsturz.

So schrieb die KPD Zentrale: „Die bayrische Räterepublik entstand nicht, wie wir es für notwendig halten, aus dem Willen und der Einsicht der Proletarier Massen heraus. Sie entstand, weil einige Abhängige und Unabhängige Sozialdemokraten sich in eine Sackgasse verrannt hatten, aus der sie keinen Ausweg wussten, als die Ausrufung der "Räterepublik".

„Ich will nicht behaupten, dass die Burschen den Auftrag hatten, mich unter dem Vorwand des Fluchtversuches zu erschießen, doch hatten die Noske-Freikorpsleute den stillen Befehl, alle aus dem Weltkrieg bekannten Kriegsgegner zu ermorden.“

Weiter mit Retzlaw: „Wieder war es die "B-Z am Mittag", die am 9. März 1919 die Balkenüberschrift über die ganze Seite brachte: "Furchtbarer Massemord durch Spartakisten in der Warschauerstraße", "Sechzig Kriminalbeamte und viele andere Gefangene erschossen!" Der 9. März war ein Sonntag. Am folgenden Montag druckten der "Vorwärts" und das "Berliner Tageblatt" die Meldung nach

Noch am Sonntag, ohne jede Nachprüfung, verhängte er erneut das Standrecht in Berlin. Gleichzeitig erließ er den Befehl, alle Kommunisten zu verhaften. Der Stadtteil Lichtenberg wurde umzingelt, die einzelnen Häuserblocks abgeriegelt und ein Massenmorden begann, wie es in Deutschland seit den Bauernkriegen nicht vorgekommen war. Auf den Straßen, in den Höfen und in den Wohnungen wurden Menschen vor den Augen ihrer Familien erschlagen oder erschossen.

Ich kann nicht aus eigenem Erleben über Einzelheiten berichten. Aber Augenzeugen, Freunde und Bekannte, erzählten mir von der grauenhaften Schlächterei. Die Regierung gab später an, daß "ungefähr 1200 Spartakisten" umgekommen seien. Die "Spartakisten" waren beliebige linksstehende Arbeiter und Bürger, denn die Kommunistische Partei hatte in Groß-Berlin nicht ein Viertel so viele Mitglieder, als hier als "umgekommen" angegeben wurden. Spätere Untersuchungen ergaben über 2.000 Tote.“
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Töten, töten, töten hieß es tatsächlich in der Weimarer Republik, nur die Kleinbürger schwangen ihr Tanzbein. Nur sie konnten das alles ignorieren.


„Während des Kapp-Lütwitz-Putsch 1920 riet General von Seeckt [Chef des Generalstabs Nord] davon ab, die Reichswehr zur Niederschlagung des gegen die demokratische Weimarer Republik gerichteten Putsches einzusetzen („Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr“ / „Truppe schießt nicht auf Truppe“). Dennoch wurde er nach dem Scheitern des Putschversuchs und dem Rücktritt Walther Reinhardts zu dessen Nachfolger als Chef der Heeresleitung ernannt“. (wiki) Weil er mit Kapp-Lütwitz sympathisierte hat die SPD ihn zum Chef der Reichswehr befördert. So wurde Hitler vorbereitet. Die SPD ist süchtig danach, ihr eigenes Grab zu schaufeln.

Prompt ging die Schießerei nach der Niederschlagung des Putsches gleich weiter, Retzlaw: „Bald rächte die Reichswehr ihre erfolglosen Kapp-Lüttwitz-Kameraden. Beim Abmarsch aus dem Regierungsviertel schossen die Erhardttruppen am Brandenburger Tor in die lachenden Zuschauer und töteten zwölf Personen; in Steglitz schossen Offiziere auf Straßenpassanten und töteten sieben;“

Und auch für die folgenden Jahre hat er kein gutes Wort übrig „Wenn ich an die Jahre 1921-28 zurückdenke, verstehe ich nicht, warum Literaten diese Zeit die "goldenen zwanziger Jahre" nennen. Ich habe sie gar nicht golden in Erinnerung. Im Gegenteil. In meiner Erinnerung sind sie voller Spannungen und Armut. Nicht nur wegen der fortfressenden Geldentwertung, sondern besonders wegen der immer stärker werdenden 5militaristischen, antijüdischen, ,,völkischen" Tendenzen.“

So tötete die Armee immer weiter, ohne dabei zur Rechenschaft gezogen zu werden, von der Justiz nicht und von der SPD schon mal gar nicht verfolgt zu werden.

 „Seine Opposition gegen die Stalinsche Politik brachte ihn Ende der zwanziger Jahre an den Rand der kommunistischen Organisation, wo er als einer der Leiter des Münzenberg-Verlages arbeitete.“ (Thalia Vertrieb)

Mit seinem Ortskreis, der ehemaligen Jugendgruppe, bildet er weltweit die erste trotzkistische Gruppe und fährt kurz nach Hitlers Machtübernahme über die Schweizer Grenze.

Ich hatte ihn 1974 kennen gelernt. Da hat er unserer Gruppe zwei seiner Bücher zum Versteigern geschenkt. In dem Buch beschreibt er auch genau, wie man Arbeiterräte aufbaut und welche Politik die Volkskommissare dann machen müssen. Für Anhänger der Arbeiterräte ein unbedingtes „Musst kaufen.“'

»... für mich bleibt Trotzki immer der engste Kampfgefährte Lenins und der Organisator des Sieges der russischen Revolution. In der Geschichte werden die Namen Lenin und Trotzki so untrennbar bleiben, wie die von Marx und Engels.«  Karl Retzlaw: „Spartacus“


Norbert Nelte

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